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Interview mit Tiago Pinto de Carvalho
Alumnos47, Mexico City

Der portugiesische Architekt Tiago Pinto de Carvalho ist seit Februar 2017 der neue Direktor der Foundation Alumnos47. Er spricht über die Foundation, mexikanische Kultur, ihr Potenzial und die Rastlosigkeit, die ihr eine spezielle Dynamik verleiht. 

Im vergangenen Jahr hat die Stiftung das eindrucksvolle und ausgesprochen umfangreiche Buch Hans Ulrich Obrist: Conversations in Mexico” veröffentlicht. Es vereint Forschungsbeiträge, Interviews und Kulturaustausch aus über einem Jahrzehnt. Ich erwähne es an dieser Stelle, weil es auch das Konzept von Alumnos47 vorstellt. Der Grundgedanke lautet, dass „in Mexiko die Entwicklung und der Austausch neuer Ideen durch die Gegenwartskunst angeregt werden soll“. Was ist darüber hinaus Ihre Vision und Ihre Zielvorstellung für Alumnos47? Alumnos47 sollte diese Form der Kooperation, des Austauschs und des Dialogs zwischen den verschiedenen Disziplinen beibehalten, um ein tieferes Verständnis für die gesellschaftlichen Themen und Nischen zu entwickeln, die in unserer Arbeit eine Rolle spielen. Das Buch „Conversations in Mexico“ vermittelt ein Bild von unserer aktuellen Arbeit und zukünftigen Projekten. Es präsentiert den kulturellen und gesellschaftlichen Austausch zwischen verschiedenen Akteuren in der mexikanischen Kunstszene und Gesellschaft. Es geht um Personen, deren Wege sich in einem bestimmten Augenblick, direkt oder indirekt, gekreuzt haben. Diese „Mischung“ aus Erfahrungen und Geschichten eröffnen wichtige Erkenntnisse und ein vertieftes Verständnis für unterschiedliche Zeitabschnitte, persönliche Anschauungen und Positionen in bestimmten Augenblicken. Zugleich möchten wir die wirkungsvolle Dynamik unserer Arbeit beibehalten, indem wir junge Menschen fördern, die auf der Basis der Projekte und Plattformen von Alumnos47 innovative Ansätze und Ideen (in unterschiedlichen Genres und verschiedenen sozialen Sphäre) entwickeln. Zugleich können wir immer auf der Grundlage der Vergangenheit etwas über die Gegenwart und Zukunft lernen.   

Durch den Prozess der Aneignung des öffentlichen Raumes als Bühne und Austragungsort vielfältiger künstlerischer Ausdrucksformen wollen wir die Demokratisierung und den Zugang zu Kultur erweitern.

Vfmk Daniela Trost Nov17 5937

„​Hans Ulrich Obrist: Conversations in Mexico” (Innenansicht)

Was ist kreativen Frauen und Männern in Mexiko gemeinsam bzw. was vermissen Sie im Hinblick auf die Debatte über kulturelle Identität, wie sie von außen betrachtet wird? Mexiko ist gegenwärtig ein in vielerlei Hinsicht inspirierendes Land. Die jüngere Generation, die eine wichtige Rolle in der mexikanischen Gesellschaft einnimmt, plädiert bereits für eine kritische und realitätsnahe Vision, die die gesellschaftlichen Probleme in Mexiko aufgreift wie sie Tag für Tag in den Nachrichten geschildert werden. Bei der Lektüre des Buchs wird deutlich, dass momentan Vergleichbares geschieht und viele junge Leute ähnliche Ansätze wie in der Vergangenheit verfolgen. In dieser Rastlosigkeit liegt die Kraft der neuen, sich entwickelnden Gesellschaft. Die kritische Betrachtung der Vergangenheit ist für den Aufbau einer neuen Gegenwart und Zukunft erforderlich. Suchen, Austauschen, Kooperieren – das ist Teil der Dynamik wie wir sie nun in Mexiko beobachten können.        

In vielen verschiedenen Bereichen gibt es erfolgreiche künstlerische Projekte, die auf dieser Kritik beruhen, dabei entstehen Kooperationen zwischen unterschiedlichen professionellen Bereichen und Gruppen. Die Wurzeln der mexikanischen Kultur bilden die Grundlage vieler Projekte und Vorhaben. KünstlerInnen, DesignerInnen, ArchitektInnen, KritikerInnen, PerformerInnen, SchriftstellerInnen etc., alle unterstreichen mexikanische Identitäten, indem sie diese hinterfragen und neue Statements formulieren. Sie beruhen auf der Frage „wie sich MexikanerInnen heutzutage definieren“ und wer und was in der mexikanischen Kultur eine Rolle spielt.    

Dabei sollte man sich immer wieder daran erinnern, dass die mexikanische Kultur ein riesiger Kosmos aus verschiedenen und starken Identitäten ist, die auf vielen Sprachen beruhen, die im Land immer noch gesprochen werden, ganz abgesehen von den lokalen Kulturen (indigene, neu entstehende und urbane Kulturen), die wiederum auf komplexen, sozialen Strukturen basieren.

Wie kann Alumnos47 partizipieren bzw. mithalten? Einige VertreterInnen der Hauptgruppe, mit denen wir zusammenarbeiten, sind junge KünstlerInnen, neue und kleinere soziale Gruppen, die häufig nicht als etablierte künstlerische und kulturelle Bezugspunkte betrachtet und somit in gewisser Weise vergessen werden. Wir möchten den Wissensaustausch sicherstellen, indem wir uns mit sozialen Problemen auseinandersetzen und die Gegenwart als Weg und Instrument begreifen, um multidisziplinäre Arbeiten und Projekte zu entwickeln.

Alle Vorhaben und Projekte, die wir unterstützen und entwickeln, beruhen auf dieser kritischen Haltung, die auch in den Prozessen selbst zur Anwendung gebracht wird. Dieser Aspekt ist für mich sehr wichtig, damit eine stichhaltige Untersuchung der sozialen Fragen und Themen, wie wir sie anstreben, möglich wird.  

In Mexico City gibt es die Forschungsbibliothek und die erste Bibliothek für Gegenwartskunst mit einem speziellen Schwerpunkt auf Künstlerbücher, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind sowie die mobile Bibliothek, die in der Stadt zirkuliert. Ganz abgesehen von den redaktionellen und kuratorischen Aktivitäten und Projekten. Kurz gesagt, die Stiftung spielt als Wegbereiter eine wesentliche Rolle. Wie gelingt es Ihnen als Wegbereiter, den Fokus nicht aus den Augen zu verlieren? Darüber hinaus gibt es ja auch noch die Bildungseinrichtung, die eine wesentliche Rolle spielt für Alumnos47. In diesem Zusammenhang ist es entscheidend sich den Hintergrund von Alumnos47 vor Augen zu führen. Warum und wieso gibt es uns eigentlich? Wir sind glücklicherweise völlig unabhängig und können daher mit ganz unterschiedlichen KünstlerInnen und ExpertInnen Vorhaben und Projekte umsetzen. Wir folgen keinen politischen, religiösen oder Gender-Dogmen, daher haben wir die Freiheit uns jenen sozialen Fragen zu widmen, die uns wichtig und unterstützenswert erscheinen. Außerdem sind wir keine Galerie oder ein Museum, das heißt wir müssen unser Programm nicht auf den allgemeinen Mainstream oder spezielle Interessen ausrichten. Wir können und wollen in unwegsames Gelände vordringen und unser Team hat immer dieses Ziel und somit die Zukunft vor Augen. Die Alumnos47 Foundation ist durch das großartige Engagement einer Gruppe von Experten möglich geworden. Unser Team (interne und externe Unterstützer) besteht aus einer Gruppe von couragierten jungen Leuten, die ein umfassendes Wissen mitbringen, unterschiedlichste Hintergründe haben und unbedingt etwas bewegen wollen. Sie sind es die Alumnos47 möglich machen und dafür sorgen, dass wir anders als andere Einrichtungen sind.

Mit einem solchen Team zu arbeiten, eröffnet einen ideologischen Freiraum, der Alumnos47 auf besondere Weise auszeichnet und dieser Institution die Möglichkeit gibt mit wahrer Hingabe und Wagemut Themen und bestimmte soziale Aspekte aufzugreifen, die ansonsten ignoriert würden. In diesem Umfeld lernen und arbeiten wir mit Menschen zusammen, die sich für eine neue Gesellschaft und eine starke mexikanische Identität einsetzen.  

In der mobilen Bibliothek

Open-Door-Bibliothek

Und was ist der nächste entscheidende Schritt? Wir müssen an unseren Überzeugungen festhalten, dürfen die sozialen Probleme nicht aus den Augen verlieren, die im Mittelpunkt aktueller Debatten stehen und wir sollten aus der Vergangenheit lernen, so dass in der Gegenwart und Zukunft Partizipation und Kooperation möglich wird. Zurzeit erstellen wir die Planung für 2018 für alle sechs Bereiche, die die Grundlage der Arbeit von Alumnos47 bilden (Redaktion, Kuration, Bildung, Bücherbus, die Bibliothek sowie Kommunikation/Mitgliedschaft). Überdies planen wir einige neue Aktivitäten, Momente, Erlebnisse, die alle auf einem Hauptthema aufbauen. Was für ein Thema das ist, möchte ich allerdings erst Anfang nächsten Jahres verraten! Aber ich kann so viel sagen, dass es sich um ein Thema handelt, das unbedingt erneut aufgegriffen werden muss, um unsere aktuelle Gesellschaft zu verstehen und Zukunftsvisionen entwickeln zu können.

Die Stiftung untersucht als Forschungs- und Bildungszentrum anhand von Gegenwartskunst aktuelle Probleme in Bezug zu anderen Disziplinen um so Erkenntnisse über das Alltagsleben zu gewinnen. Welche Disziplinen schließt dies ein? Ja, wir arbeiten interdisziplinär. Es gibt viele Leute aus unterschiedlichen Bereichen, die wir einladen an unserem aktuellen Projekt und der Arbeit von Alumnos47 mitzuwirken. Innerhalb von Alumnos47 besteht immer eine Verbindung zwischen den verschiedenen Bereichen – es gibt eine gegenseitige Unterstützung der von uns initiierten Projekte und der Kooperationsprozess beginnt bereits bei uns intern. Redaktion, Kuration, Bildung, Bücherbus, die Bibliothek im Gebäude sowie Kommunikation und der Registrierungsbereich arbeiten alle zusammen. Die einzelnen Disziplinen können Aufgaben übertragen, partizipieren und Beiträge auf der Basis ihrer Expertise leisten. Diese Vorgehensweise kommt je nach Komplexität der Aufgabe bei jedem Projekt zur Anwendung. Wir arbeiten mit bildenden KünstlerInnen, ExpertInnen für soziale und anthropologische Fragen, Video- und PerformancekünstlerInnen, LehrerInnen, SchriftstellerInnen, KritikerInnen, ArchitektInnen, Coaches und vor allem, was besonders wichtig ist, mit der breiten Öffentlichkeit zusammen. 

Alumnos47-Mitarbeiter mit einem Besucher

Es bedeutet viel, an das gesellschaftliche Veränderungspotenzial der Kunst zu glauben. Wird das Vorhaben durch die Verbindung mit anderen Disziplinen greifbarer? Absolut! Je mehr Wissen und Perspektiven in ein spezifisches Projekt einfließen, desto konkreter wird es, da so ein vertieftes Verständnis möglich wird. Die unterschiedlichsten Inputs der jeweiligen Disziplinen, die am Prozess teilhaben, führen zu einer besseren Durchdringung des Themas, und somit zu besseren Ergebnissen. Diese Informationsfülle wirkt sich sehr positiv auf den Prozess aus und das neue Material kann in weitergehende Untersuchungen einfließen oder Studenten bzw. der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.

Geht den Disziplinen aber auf diese Weise nicht etwas von ihrer Spezifität verloren? Auf welche Weise verknüpfen Sie die Kunst mit anderen Disziplinen? Für mich ist die Kunst der Katalysator, der die verschiedenen Disziplinen verbindet und somit einen differenzierteren Zugang zu einem bestimmten Thema ermöglicht, und durch diese Kooperation der Disziplinen wird der künstlerische Prozess optimiert. 

Wie ist das mit dem Dialog und dem Austausch von Ideen? Wie reagieren beispielsweise Leute, die nichts mit der Kunstwelt zu tun haben auf Alumnos47? Viele der Projekte von Alumnos47 fokussieren auf ein Publikum, das nichts mit Kunst zu tun hat, und zwar nicht nur als allgemeine Öffentlichkeit, sondern auch als Hauptakteure in einigen der Performances. Sie werden zu direkten und aktiven Darstellern im Projekt. Wir versuchen die Öffentlichkeit, die nicht über dieses Spezialwissen verfügt, in die künstlerischen Aktionen einzubinden, indem wir diese im öffentlichen Raum bzw. im Bücherbus verorten. Dahinter steckt die Idee, dass Kunst demokratisch und für alle zugänglich sein soll. Durch eine Performance auf der Straße lässt sich beispielsweise die Alltagsroutine eines Passanten potenziell verändern. Diese öffentlichen Aktionen führen dazu, dass die Leute an solchen Orten stehen bleiben, die Performances entfalten eine stärkere Wirkung da die Zuschauer innehalten, beobachten und reagieren. Häufig partizipieren sie spontan. Diese Interaktion befruchtet den künstlerischen Prozess und oftmals führt dies zu unerwarteten Ergebnissen und (lehrreichen) Erfahrungen.

Ist das Prinzip der offenen Tür und das interdisziplinäre Konzept auch erfolgreich, wenn es darum geht ein breiteres Publikum zu erreichen? Die Verbindung von beiden Aspekten ist in unserer heutigen Zeit entscheidend. Es ist unbedingt notwendig, die Grenzen zur Kunst zu öffnen und mit Projekten zu arbeiten, in die Beiträge aus verschiedenen Disziplinen einfließen. Dadurch erreicht man eine breitere und vielfältigere Öffentlichkeit. Der öffentliche Raum ist eine perfekte Plattform, um die Interaktion der Disziplinen zu beobachten und ein Publikum zu erleben, das in seiner Reaktion völlig unvoreingenommen sein kann und mitunter überrascht.  

Was sind Ihre Erfahrungen mit dem Bücherbus? Zugänglichkeit ist ja nicht nur eine Frage des freien Eintritts, sondern hat doch auch etwas mit Zugehörigkeit oder Teilhabe am Projekt zu tun. Wie wird das ungewöhnliche Vehikel von Passanten aufgenommen und genutzt? Der Bücherbus spiegelt sozusagen die soziale Grundlage, die Alumnos47 als Verbindung zur Kunst wählt. Durch den Bus können wir ein breites und vielfältiges Publikum in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen ansprechen. In den Vierteln, in denen der Bücherbus über viele Jahre jede Woche Halt machte, sind viele Kontakte so entstanden. Er ist zu einem Bestandteil des jeweiligen Stadtviertels geworden und die Kinder, die an den Workshops teilnehmen, freuen sich schon immer auf den Bus. Durch die Gegenwartskunst, wie sie in den Workshops und Aktivitäten zur Anwendung kommt, werden Verbindungen geschaffen und kleine Gruppen miteinander verknüpft. Die TeilnehmerInnen, die an den verschiedenen Programmen des Bücherbusses aktiv mitwirken oder auch nur die Passanten verstehen, dass es sich hier lediglich um ein Angebot handelt, das der Öffentlichkeit offen steht, ohne dass dafür etwas erwartet wird. Es geht hier nicht um eine missionarische Bekehrung zur Kunst, vielmehr ist es eine Einladung an Alle. Wenn die Leute aus diesen Stadtvierteln oder Straßen verstehen, dass es keinerlei Bedingungen und keine bestimmte Absicht gibt, dann nehmen sie so etwas einfach an und es wird Teil der urbanen Struktur und des wöchentlichen Geschehens an diesem Ort. 

Kunst ist einzigartig – auch wenn sie eine anregende und einmalige Erfahrung bietet, bleibt sie nicht greifbar. Glauben Sie, dass die Kunst das Leben unmittelbar beeinflusst?  Wenn die Kunst mich durch die Wirkung, die sie auf mich hatte, gerettet hat, dann dürfte dies sicherlich auch für Andere gelten.   

Was schätzen Sie besonders an Ihrer Arbeit in Mexico City? Die Energie, die konstante Anregung der Sinne durch das urbane Chaos. Es ist für mich wie eine riesige Datenbank für Forschung und soziales Lernen. Die Stadt ist ein großartiges Laboratorium für alle möglichen Disziplinen. Außerdem begegnen die Mexikaner den Ausländern auf solch wunderbar unvoreingenommene Weise. Mi casa es tu casa! Das weiß ich als Immigrant zu schätzen.

Vielen Dank Tiago!

Interview: Dajana Dorfmayr