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Interview mit Dagmar Koller und Michael Balgavy
Wien

Der Bildband „Goldene Zeiten“ gewährt einen ungewöhnlichen wie sensiblen Einblick in das private Fotoalbum der meistfotografierten Frau Österreichs: Dagmar Koller. 420 Bilder hat der Herausgeber und Gestalter Michael Balgavy für die schillernde Publikation ausgewählt. In zwölf Kapitel wird die Lebensgeschichte skizzenhaft und ohne chronologischen Anspruch erzählt. Fotos aus vergangenen Zeiten, die Dagmar Koller als Künstlerin, Tochter, Ehefrau, Frau – und vor allem als Fotografin selbst zeigen. Eine „goldene“ Welt in Bildern, mit persönlichen Kommentaren, in die man gerne eintaucht. 

Wie war der erste Eindruck dieses Buch in der Hand zu haben? 

Dagmar Koller: Es war so schön das Buch endlich in Händen zu halten – aber es war vor allem ein Erlebnis es zu machen. Es ist prachtvoll und ich kann Michael nicht genug danken. „Goldene Zeiten“ ist viel mehr als eine Biografie – so wie Michael immer gesagt hat: Es ist ein Kunstbuch!

Michael Balgavy: Dagmar Koller ist einfach ein Kunstwerk an sich. Wir haben ein ganzes Jahr Fotos ausgesucht. Gemeinsam und ich alleine. Wie ist es für Dich, die 420 Fotos jetzt gesammelt zu betrachten?   

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Dagmar Koller und Michael Balgavy

Dagmar Koller: Das glaube ich fast nicht, dass es so viele sind. Ich weiß, dass meine Kisten voll sind, aber so viele goldene Seiten, habe ich in meinem ganzen Leben noch nie von mir gesehen! Ehrlich gesagt, habe ich viele der Fotos überhaupt noch nie gesehen – ich hatte immer sehr viel fotografiert, aber nie die Zeit gehabt, die Bilder zu Hause anzusehen. Ich habe jeden Abend Theater gespielt. Nun hatte ich das Glück, dass Michael mit mir die Kisten geöffnet hat. Oft habe ich mir gedacht: „Jetzt hört er ja überhaupt nicht mehr auf!“. Aber jetzt freue ich mich wie ein kleines Kind, dass es doch noch zustande gekommen ist. 

Warum wolltet ihr das Buch überhaupt machen?

Michael Balgavy: Die Idee zum Buch haben wir gemeinsam geboren. Wir wollten ein künstlerisches Projekt realisieren, das uns Freude macht. Etwas, das nicht nach Richtlinien des Kommerzes funktioniert, sondern den Fokus auf die Fotografie legt. Wir haben hier 75 Jahre Entwicklung der Fotogeschichte und gleichzeitig das künstlerische Leben der meistfotografierten Frau von Österreich. Parallel natürlich auch das mediale Phänomen, das dahinter steht. Es geht neben der Fotografie natürlich auch um die musikalische Karriere und das Archiv von tausenden Zeitungsausschnitten. Ein Leben, das mehr als 65 Jahre in den Medien öffentlich dokumentiert wurde.

Das Buch zeigt aber auch viele private Einblicke – oder, neben der Karriere, andere Aspekte aus dem Leben von Dagmar Koller.

Michael Balgavy: Das Schöne ist, dass das Schauspiel, das Dagmar Koller auf den Bühnenbrettern der Welt dargeboten hat, nach der Show nie aufgehört hat. Das Spiel mit den Medien, das Schauspiel, das man im Privaten miterleben darf. Mit Helmut Zilk, aber auch schon lange davor. 

„Goldene Zeiten“ feiert Ihr wunderbares Leben, aber es zeigt auch neue Seiten von Ihnen – nämlich als Fotografin. Man sagt ja, dass sich Fotografen manchmal hinter der Kamera verstecken. Die Rolle der Beobachterin ist eine nicht so bekannte Seite von Frau Koller.

Dagmar Koller: Ich habe auf allen Tourneen immer einen kleinen Fotoapparat bei mir gehabt. Ich bin eine Einzelgängerin und flaniere alleine durch die Städte. Mich hat es immer dorthin gezogen, wo die normalen Menschen leben, nicht, wo man den Luxus findet. Dort habe ich stets fotografiert. Das Schöne ist, dass Michael die ganzen alten, schlecht entwickelten Fotos so schön aufgearbeitet hat. Da sieht man, dass Michael ein großer Künstler ist.

Michael Balgavy: Künstler bist natürlich hier du – nicht ich! Das sind Deine Fotos! Diese Seite kennt man von dir gar nicht.

Und von all diesen Begegnungen: Wer ist Ihnen am besten in Erinnerung geblieben?

Dagmar Koller: Ich habe ein paar Kollegen gehabt, die unvergesslich sind. Das war Josef Meinrad, der große Schauspieler, mit dem ich „Mann von La Mancha“ gespielt habe. Und dann Giuseppe Di Stefano. Mit ihm habe ich die große Welt kennengelernt, denn für ihn war in jedem Hotel ein roter Teppich ausgerollt. Wir sind durch ganz Amerika gefahren und haben Konzerte gegeben. Das war für mich eine unglaubliche Zeit, in der ich viel gelernt habe – auch wie man als großer Künstler etwas an die nächste Generation weitergibt. 

Dagmar Koller Goldene Zeiten Mancha Meinrad

„Der Mann von La Mancha“ in Wien, Hamburg, Frankfurt, Wiesbaden mit Josef Meinrad, Gideon Singer, Heinz Peters, Fritz Muliar, Karlheinz Hackl, Robert Meyer © Victor Mory / KHM-Museumsverband, Theatermuseum; Siegfried M. Pistorius; Josef Palffy; Volksoper / Reinhard Werner

Welche großen Freundschaften gab es in Ihrem Leben?

Dagmar Koller: In meinem Leben gab es sehr wenige Freundschaften. Ich hatte nicht die Zeit dafür. Freundschaften muss man pflegen. Das war bei mir immer schwierig, weil ich dauernd unterwegs war. Aber wir haben, wie in jedem Fotoalbum, auch eine Seite mit einigen Freunden im Buch. Es gibt einen, der sogar meine Jugendliebe war: Hans. Und dann ein paar spätere Freundschaften, die zum Teil auch Lieben waren. 

Wenn Sie sagen, Sie waren selbstständig und in der Öffentlichkeit: Wie war es, gleichzeitig eine Frau zu sein, die ihr eigenes Geld verdient? Das war damals unüblich.

Dagmar Koller: In meiner Zeit gab es schon die großen Frauen – wie zum Beispiel Hildegard Knef. Die Frau war für mich ein großes Vorbild. Ich habe sie persönlich kennen gelernt und sie hat mir verboten meine Nase zu operieren. Nicht nur, dass ich mich als Frau durchgekämpft habe, ich habe mich auch mit einem Aussehen durchgekämpft. Die Leute haben immer zu mir gesagt: „Privat schauen Sie aber viel netter aus als gestern im Fernsehen“. Ich würde im Fernsehen auch so gerne gut aussehen. Liz Taylor hat zu mir gesagt: „Du musst zur Kamera gehen und die Kamera mit fetten Lippen küssen, dann hast du einen schönen Weichzeichner“.

Beim Theater und Film gab es natürlich selbstständige Frauen, aber war es in der Beziehung mit Männern nicht schwer selbständig zu sein?

Dagmar Koller: Ich bin zum Glück mit meinem Bruder aufgewachsen. Er war für mich wie ein Vater. Mein richtiger Vater war nach dem Krieg nicht mehr zur Familie zurückgekommen. Mein Bruder hat mir eigentlich beigebracht, beim männlichen Geschlecht sehr achtsam zu sein. Deshalb habe ich immer Angst gehabt, wenn Männer zu freundlich und lieb zu mir waren – da war ich misstrauisch. Allerdings habe ich wahnsinnig gerne geflirtet.

Sie haben Helmut Zilk erst mit 40 geheiratet – was hat sich verändert?

Dagmar Koller: Ab 40, sagt man, kommt der Ernst des Lebens und man muss womöglich schon Familie haben. Ich habe das alles nicht gehabt. Ich habe deswegen aus Torschlusspanik geheiratet. Nicht einmal ein Kind hatte ich, vor lauter Liebe zum Beruf. Aber dann habe ich schon gedacht: „Jetzt bin ich 40 und noch immer nicht verheiratet“. Ich war immer in festen Bindungen, aber hatte nicht ans Heiraten gedacht.

Dann war der Schritt zur Ehefrau ein viel größerer.

Dagmar Koller: Ja, vor allem war es kein normaler Ehemann, sondern ein noch öffentlicherer Mensch als ich. Helmut Zilk war ein sehr erfolgreicher Mann. Was er gemacht hat, war erfolgreich, aber trotzdem hatte er es sehr schwer.

Gab es nie Konkurrenz oder Eifersucht?

Dagmar Koller: Ich glaube schon, dass wir uns gegenseitig Konkurrenz gemacht haben, aber das war ja das Reizvolle. Er wollte besser sein als ich und ich wollte noch besser sein als er. Unsere Ehe war nie langweilig und beide haben wir die Öffentlichkeit geliebt. Das war schon sehr besonders. Ich glaube auch, dass ich durch das Leben mit Helmut in ein ganz anderes Leben gekommen bin. Das war dann auch ein politisches Leben, von dem ich viel mitbekommen habe. 

Privat-Archiv Dagmar Koller

Privat-Archiv Dagmar Koller

Michael Balgavy: Wie war das für dich so viele einflussreiche Politiker kennenzulernen? Und das auf der ganzen Welt – du warst ja in Japan, in den USA, im Oman...

Dagmar Koller: Für sie war es, glaube ich, interessanter, mich kennenzulernen. Da kommt ein Bürgermeister mit einer Frau, die sich souverän benimmt und auch als Künstlerin erfolgreich ist. Natürlich haben alle immer nachgefragt „Wie ist das in der Rolle gewesen?“ und „Sie haben Frank Sinatra kennengelernt – wie war das?“. Das ganze Gespräch von den Politikern war darauf konzentriert, was ich zu erzählen hatte. Ich konnte immer gut erzählen. Man sagt ja auch, dass ich zu viel plappere. 

Ich plappere gerne. Trotzdem gibt es auch Momente, in denen ich nicht so lustig bin, sondern sehr traurig.

Wie war es mit Prinzessin Diana und Prinz Charles in Wien?

Dagmar Koller: Eine der zauberhaftesten Begegnungen meines Lebens war mit Prinzessin Diana. Sie war wegen der englischen Messe in Wien hier und ich hatte die Aufgabe das Damenprogramm zu absolvieren. Die Woche mit ihr werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Aber sie hatte es wirklich schwer. Man hatte gespürt, dass die Ehe kaputt war. Und die Security war sehr dezent, so konnten wir uns einfach durch Wien bewegen.

Dagmar Koller Goldene Zeiten Diana

Lady Di, Princess of Wales erhält Blumen. Wiener Stadt- und Landesarchiv, FA3: 86140/I/0

Michael Balgavy: Weil du jetzt die Security erwähnt hast. Die Security hat im eigenen Wohnzimmer dann nicht so gut funktioniert, wie wir wissen. Hinter uns ist der Ort, an dem Helmut Zilk eine Briefbombe erhalten hat.

Dagmar Koller: Alles war voller Blut. Alles. Und ich habe heute noch nicht die Wohnung gewechselt, weil ich einfach stark bin. Ich habe nie einen Psychologen aufgesucht, um das Trauma zu verarbeiten. Ich habe es auch geschafft, aber ich schlafe schlecht und habe oft Angst.

Es gibt auch ein paar wunderschöne Liebesbriefe von Helmut Zilk im Buch.

Dagmar Koller: Mein Mann war ein Frühaufsteher und hat mir jeden Tag einen Zettel vor meiner Schlafzimmertür gelegt. Von dieser Sammlung habe ich Michael einige Briefe überlassen. Ich habe lange überlegt, ob ich das in der Öffentlichkeit preisgeben darf. Aber damit sehen die Leute auch, was für ein Herz Helmut hatte und was für eine Sentimentalität ich in diesem Mann entdecken durfte.    

Was sind die goldensten Zeiten in ihrem Leben? 

Dagmar Koller: Ich habe in Wirklichkeit so viele Leben gelebt. Im Grunde war jeder Abschnitt in meinem Leben ein besonderer. Ich war schon als Kind eine kleine Ballerina. Ich fuhr schon am Anfang meiner Karriere mit dem Johann Strauss Orchester durch ganz Amerika. Der klassische Gesang war damals eine ganz andere Art der Kunst für mich. Mit Hans-Joachim Kulenkampff war ich als Schauspielerin mit dem Stück „Spiel im Schloss“ auf der ganzen Welt unterwegs. Sogar in Israel haben wir 1967/1968 gespielt. Und im Musical konnte ich alle drei Sparten, die ich in meinem Leben erlernt hatte, gebrauchen.  

Ein Kapitel ist mit „Unzertrennlich“ betitelt: Es geht um Ihre Mutter. Wie war das Verhältnis?

Dagmar Koller: Ich hatte eine sehr starke Mutter. Sie war sehr selbstbewusst, hatte mich auf das Leben vorbereitet. Sie wollte immer, dass ich Sprachen, Sprachen, Sprachen lerne. Aber ich war sehr stur. Das Leben ist als Künstlerin irrsinnig hart. Es geht immer auf und ab. Man muss immer wieder aufstehen und sich durchkämpfen. Es geht nie gleichmäßig. Aber ich verdanke meiner Mutter alles, was ich heute bin, weil ich dank ihr die Kraft hatte, alles durchzuhalten. In Wirklichkeit habe ich alles erreicht, was ich mir erträumt habe. Jedem Mädchen würde ich für ihren Berufsweg mitgeben, ihren Träumen zu folgen – dann gehen sie auch in Erfüllung.

Michael Balgavy: War „Ballett“ für dich Synonym für die große, weite Welt?

Dagmar Koller: Nein, das war dann wirklich der Gesang. Ich wusste, damit kann ich die Welt erobern. Und viel reisen. Beim ersten Engagement war ich sehr jung, aber ich musste Geld verdienen. Ich hatte das Engagement in der Operette „Blume von Hawaii“ in Dortmund angenommen. Dort hatte ich auch mein erstes unangenehmes Erlebnis. Ein Intendant, der versessen auf mich war und sich unanständig benommen hatte, schrie bei einer Hauptprobe vor allen Kollegen aus dem Zuschauerraum hinauf: „Frau Koller, sie werden nie eine weibliche Ausstrahlung haben, solange sie noch Jungfrau sind!“. Ich lief in die Garderobe und weinte.

Gab es viele dieser Erfahrungen als Frau?

Dagmar Koller: Viele, ja. Aber ich konnte mich immer zur Wehr setzen. Und jetzt kommen die Jahre, wo ich mich endlich gehen lassen darf. (strahlt über das ganze Gesicht)

Wir bedanken uns für das Interview!

Interview: Manuela Hötzl 

Dagmar Koller Goldene Zeiten Y

Privat-Archiv Dagmar Koller