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Interview mit Elena Fortes
Mexico City

Elena Fortes startete ihre Karriere als Mitbegründerin von Ambulante, dem größten Dokumentarfilmfestival in Mexiko. Nach elf Jahren als Direktorin hat sie die Organisation verlassen und ein Unternehmen für die Produktion von nicht-fiktionalen Inhalten ins Leben gerufen.

Sie haben 2005 mit Gael García Bernal, Diego Luna und Pablo Cruz Ambulante gegründet, eine gemeinnützige Organisation für die Förderung der Dokumentarfilmkultur in Mexiko. Haben Sie von Anfang an mit einem solch großen Erfolg gerechnet? Nein, gar nicht. Wir gingen von der Annahme aus, dass es ein bestimmtes Publikum für Dokumentarfilme gibt, das wir aktiv ausfindig machen müssten. Wir hatten die romantische Vorstellung, dass wir den Orten und den Menschen, die diesen eine Bedeutung verliehen oder Teil von ihnen waren, ihre Geschichten zurückgeben wollten. Während des ersten Festivals in 2006 wurden in den Kinos lediglich sechs Dokumentarfilme gezeigt. Bis dahin waren Dokumentationen vor allem auf das Fernsehen beschränkt. Das wollten wir ändern. Der Dokumentarfilm sollte ins Kino und auf die Straße zurückkehren, um ein neues Publikum zu gewinnen. 

Elena Fortes

Der Dokumentarfilm ist  …? ... ein künstlerisches Medium für die Veränderung unserer Wahrnehmung von Realität.  

Wer sind Ihre Vorbilder in diesem Bereich? Werner Herzog, Joshua Oppenheimer, Nicolas Philibert, Yuri Ancarani, Lucien Castaing Taylor, Verena Paravel, Pirjo Honkasalo, Mark Cousins, Kim Longinotto, Patricio Guzmán, Helena Trestikova, Natalia Almada, Tove Torbiornsson, Sean Farnel, Oskar Alegria. 

Ambulante ist der Förderung des internationalen Dokumentarfilms gewidmet und dient zugleich als Werkzeug eines sozialen und kulturellen Wandels. Wie war die Situation in 2005, als Sie dieses Projekt ins Leben gerufen haben? Es gab nur sehr wenige Festivals in Mexiko und wenige Orte für viele unterschiedliche Filme. Dokumentarfilme wurden fast ausschließlich ins öffentliche Fernsehen verbannt und die Leute hatten gewisse Vorbehalte, da sie sie meistens mit den klassischen Tierdokus assoziierten bzw. mit didaktischen oder langweiligen Inhalten. Es war nicht leicht, diese Vorstellung zu durchbrechen und der Kampf ist auch noch nicht gewonnen, obwohl wir ein neues Publikum erreichen konnten, das über verschiedenartige Plattformen alle möglichen Filme anschaut. Wir wollten nicht nur Filme zeigen, sondern Begegnungen zwischen Filmemachern und dem Publikum inszenieren sowie neue Diskussionsräume eröffnen und zwar insbesondere zu Themen, die für die jeweilige Region relevant waren und die in den Medien oder der politischen Agenda keine Rolle spielten. Der wesentliche Aspekt von Festivals besteht meines Erachtens in dieser Form von Begegnung, daher bleiben sie auch unberührt von virtuellen Plattformen. Ich bin überzeugt davon, dass sich Veränderungen vor allem aus solchen persönlichen Begegnungen und kollektiven Aktionen auf der Straße ergeben und nicht durch virtuelle Begegnungen auf digitalen Plattformen. 

Verantwortung, Leidenschaft, Enthusiasmus. Was ist Ihr entscheidender Antrieb als Meinungsmacherin? Ich fühle mich immer zu den Menschen hingezogen, ich möchte sie kennenlernen und verstehen und sie zusammenbringen. Der Antrieb hinter all meinen Projekten ist vermutlich der Kampf gegen Ungerechtigkeit und Zynismus.  

Ambulante ist weltweit ziemlich einzigartig, es findet in verschiedenen mexikanischen Bundesstaaten und an Orten statt, die wenig Möglichkeiten für Ausstellungen und den Dokumentarfilm bieten. Es läuft über drei Monate, wobei für 60 Prozent der Filme kein Eintritt verlangt wird und es unterstützt Filmemacher und junge Talente. Das klingt nach ausgesprochen viel Arbeit. Wie ist das Team mittlerweile aufgestellt? Ich habe Ambulante nach elf Jahren verlassen. Veränderungen finde ich schon immer gut und notwendig. Außerdem wollte ich nun gerne mal selbst Inhalte schaffen, anstatt sie nur zu zeigen, daher habe ich No Ficción, ein Unternehmen für die Produktion von nicht fiktionalen Inhalten gegründet. Ambulante ist im Verlauf des letzten Jahrzehnts enorm gewachsen. Anfangs waren wir nur zu zweit und wir hatten keinerlei Erfahrung mit Festivals. Ich war 23 Jahre alt. Das erwies sich aber als Vorteil, da ich mich dadurch mit vielen jungen Leuten mit unterschiedlichsten Hintergründen umgab, was dem Projekt eine besondere Dynamik verlieh. Trotz des Wachstums wurde eine horizontale Struktur beibehalten (auch jetzt noch mit 40 Mitarbeitern für das Festival und 150 Freiwilligen), daher gibt es ein zentrales Team in Mexico City und kleinere Teams aus Freiwilligen, die an den Austragungsorten von Ambulante in den verschiedenen Bundesstaaten ziemlich viel Verantwortung übertragen bekommen. Außerdem gibt es in Kolumbien ein Team, das eine wunderbare Arbeit leistet und das Festival in verschiedene Städte bringt. Wir teilen unsere Erfahrungen, Werkzeuge, Tipps, Kontakte mit jedermann und jeder der für Ambulante arbeitet bekommt sehr viel Verantwortung übertragen. Das motiviert die Leute sehr. Darüber hinaus umfasst Ambulante alle möglichen Initiativen, darunter auch ein Ausbildungsprogramm. Es erschien uns wenig sinnvoll, nur Filme zu zeigen, ohne auch neue Produktionsmöglichkeiten anzubieten. 

Zentrale Bestandteile des Unterfangens sind die Störung bzw. Herausforderung des Zuschauers. Woher beziehen Sie Ihre Kraft? Glaubwürdigkeit, Integrität, moralische Vorbildfunktion und Gemeinschaftlichkeit.  

Sie haben auch schon in Gefängnissen Filmvorführungen veranstaltet oder das Thema Immigration direkt an der Grenzmauer gezeigt. Wie war die Atmosphäre an diesen speziellen Orten? Ich möchte diesbezüglich noch einmal auf die Bedeutung von Begegnungen zurückkommen. Kontext halte ich für ebenso wichtig. Einen Film über Migration an der Mauer zu zeigen, eröffnet ein völlig anderes Erlebnis als in einem Kino, gerade weil man einem völlig anderen Publikum begegnet (eines das vom filmischen Inhalt unmittelbar betroffen ist und vielleicht gar nicht geplant hatte, einen solchen Film anzusehen). Die Filme an neue Orte zu bringen ist der beste Weg, um ein neues Publikum zu erreichen, dabei ist es wichtig diesen Zuschauern lebensnahe Geschichten zu zeigen. Der Dokumentarfilm hat die Kraft, Empathie zu erzeugen. Wir haben vor kurzem den Film Sherpa auf der Spitze eines Vulkans in Mexiko gezeigt. Wir hatten die Idee, dass die ersten 200 Zuschauer, die ihre Teilnahme anmeldeten, vor Ort zelten könnten und am Lagerfeuer ein Abendessen serviert bekämen, während sie den Film schauten. Die Leute kannten einander nicht, sie waren einfach nur die Ersten gewesen die sich angemeldet hatten. Es war ein einzigartiges Erlebnis abseits vom Chaos der Stadt und nur für eine Nacht diese provisorische Zeltgemeinschaft zu erschaffen. 

Sie sind die mexikanische Gewinnerin des British Council's Young Creative Entrepreneur Screen Award 2010 und arbeiten im Rahmen verschiedener Projekte, darunter das London MexFest Festival of Contemporary Mexican Culture auch weiterhin für den British Council. Wie ist dieses Projekt zustande gekommen und wie gestaltet sich der kulturelle Austausch? Der British Council ist weltweit ein Vorkämpfer im kulturellen Bereich. Das finde ich sehr beeindruckend. Er ist eine der ersten Institutionen, die den ökonomischen Wert von Kunst in Großbritannien analysiert und ein Beispiel für den Rest der Welt gesetzt hat. Hugo Van Belle, der Mitbegründer des Morelia Film Festivals, hatte die Idee für das London MexFest, in dessen Rahmen mexikanische Kulturprojekte in London präsentiert werden sollten. Er lud uns ein, das Filmprogramm zu kuratieren. Das Festival umfasste Architektur, Musik und auch Design. Es war eine wunderbare Initiative, aber auf Dauer leider nur schwer aufrecht zu erhalten, da sie maßgeblich auf Fördermittel der beiden Länder angewiesen war. 

Was waren die größten Herausforderungen in London? Die Durchführung des Festivals war insgesamt wesentlich teurer. Open-Air Vorführungen wären nur sehr schwer zu organisieren gewesen (in Mexiko kann man im Prinzip überall und in jedem kleinen Ort eine Leinwand und ein Soundsystem aufstellen und einen Film zeigen, ohne dass dafür ein großer bürokratischer Aufwand erforderlich wäre). Vielleicht ist Secret Cinema deshalb so erfolgreich geworden, da es genau diese Ordnung und mangelnde Flexibilität durchbricht. London MexFest fand während des Sommers statt und die Filme wurden nicht unter freiem Himmel gezeigt, daher war es sehr schwierig das Publikum anzulocken, wenn das Wetter zu gut war. Außerdem ist das Filmangebot in London natürlich wesentlich vielfältiger, d.h. wir mussten mit sehr vielen anderen Initiativen konkurrieren. 

Was vermissen Sie in Mexiko und was in Europa? In Mexiko fehlen mir Ordnung, Respekt und Rechtsstaatlichkeit. In Europa vermisse ich Chaos, ein bestimmtes Maß an Unordnung und die Form von Kreativität, wie sie angesichts von Beschränkungen und Hindernissen entsteht. 

Haben Sie auch in London gewohnt und welche waren Ihre Lieblingsorte? Ich habe lediglich zwei Monate dort gewohnt, da mein Freund dort lebte, aber ich bin häufig hingereist. Es gibt nur wenige Dinge im Leben, die ich noch mehr als Scones mag, daher zieht es mich überall hin wo ich welche ergattern kann. Und meinen besten Tee habe ich in der Nähe des British Museum getrunken. Außerdem bin ich gerne in der Gegend um die Brick Lane, Tate Modern in Soho und Shoreditch spazieren gegangen. 

Vielen Dank Elena Fortes!

Interview: Dajana Dorfmayr