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Interview mit Heidi Specker
Berlin

Bekannt wurde Heidi Specker Mitte der 90er-Jahre mit den „Speckergruppen“ (1995/96) und anderen Werkreihen, die Betonbauten in den Mittelpunkt stellten – eine Vorwegnahme einer Neubewertung von Nachkriegsarchitektur. Zugleich gehört Specker zu den Pionieren der Digitalfotografie. Wir sprachen mit ihr über ihre aktuelle Ausstellung, den begleitenden Katalog und Walter Benjamin.

Anlässlich Ihrer Ausstellung FOTOGRAFIN im Kunstmuseum Bonn erscheint die gleichnamige Publikation. Was zeigt das Buch? Welche Motive sind für Sie von Interesse? Ich fotografiere seit 20 Jahren, in Buch und Ausstellung zeige ich 70 Bilder. Also einen Teil und doch eine Menge. Vielleicht hatte man bisher den Eindruck, mein Hauptthema sei die Architektur, jetzt plötzlich das Porträt, vorher gab es schon die Gegenüberstellung mit der Natur, seit der Villa Massimo gib es einen anderen Umgang mit dem Stillleben ... Mir ging es darum, meine Handschrift im Bild, die FOTOGRAFIN deutlich werden zu lassen. Durch Auswahl und Zusammenstellung ist das Bildinteresse in der Verknüpfung, als Filmstreifen oder Raumschleife, ein schlüssigerer und kräftiger Gegenstand geworden.

Im Kunstmuseum Bonn sind Fotografien aus den verschiedensten Phasen miteinander verwoben und bewusst nicht als Serie gehängt. Die Auswahl haben Sie als „Pralinenschachtel“ bezeichnet. Das klingt nach einem großen Vergnügen, sich den eigenen Arbeiten neu zu widmen. Verliefen die Konzeption des aktuellen Buches und die Entwicklung der Ausstellung parallel zueinander? Welche Herausforderung bedeutet es für Sie, Ihre Fotografien für Publikationen auszuwählen, das Format der ursprünglichen Arbeit neu denken zu müssen? Ich habe für die Ausstellung an einem Modell gearbeitet. Die Bildstrecke im Katalog läuft nach einem Skript: Der Grafiker, Stephan Müller, und ich haben den Bildern eine Position zugeordnet und diese zu Gruppen verknüpft. Der Algorithmus errechnete Vorschläge. Da musste ich neu denken. Ich war erst skeptisch, aber Stephan hatte Recht. Es gab nur wenige Änderungen gegen die Ordnung: Zum Beispiel die Doppelseite mit dem Kopftuch-Bild oder die Entscheidung, mit der leeren Seite bei Paaren eine Pause zu schaffen, um einen Ablauf zu stoppen und neu anzusetzen. Bücher können wie Ausstellungen sein, es ist eine Form von Zeigen. Weil es dort um mich geht, ist es mir wichtig, großen Einfluss zu haben.

“Pilze 1”, aus der Werkreihe “Magic Mountain”, 2007, Archiv Bildende Kunst, Print, 85 × 56 cm

“Pilze 2”, aus der Werkreihe “Magic Mountain”, 2007, Archiv Bildende Kunst, Print, 85 × 56 cm

Einfluss auf den Entstehungsprozess der Bücher oder der Ausstellung? Beides. Den Begriff der Pralinenschachtel, der ja ironisch ist, die Selektion einer Frau. Der Katalog ist eher filmisch, linear. Die Ausstellung wird in drei Räumen gezeigt, also 12 Wände, der Katalog hat 200 Seiten mit einer langen Bildstrecke. Katalog und Ausstellung haben gemeinsam, dass sie eine Überarbeitung sind.

In seinem Beitrag für FOTOGRAFIN schreibt Christoph Schreier, die Surrealisten suchten die Befreiung der Gegenstände „aus dem Korsett ihrer Definitionen und funktionalen Bestimmungen“ und meint, Sie folgen ebenso diesem Prinzip. Er spricht von der „surrealen Transformation des Alltäglichen“. Finden Sie sich darin wieder? Ja, absolut. Christoph Schreier und ich teilen gleiche Vorlieben: Philip Guston, de Chirico. Und trotzdem, immer noch das gleiche Problem. 

Problem? Im Jahr 1934 hält Walter Benjamin einen Vortrag am Pariser Institut zum Studium des Faschismus, der unter dem Titel „Der Autor als Produzent“ veröffentlicht wurde. In diesem Vortrag sagte Benjamin: „Sie [die Fotografie der Neuen Sachlichkeit] wird immer nuancierter, immer moderner, und das Ergebnis ist, daß sie keine Mietskaserne, keinen Müllhaufen mehr photographieren kann, ohne ihn zu verklären. Geschweige denn, daß sie imstande wäre, über ein Stauwerk oder eine Kabelfabrik etwas anderes zu sagen als dies: die Welt ist schön. (…) Es ist ihr nämlich gelungen, auch noch das Elend, indem sie es auf modisch perfektionierte Weise auffaßte, zum Gegenstand des Genusses zu machen.“ Die Frage ist, wie man sich, im Surrealen, wiederfindet, bzw. wie und ob man es schafft. Und da geht es um die Gegenstände, über die auch Walter Benjamin schreibt. Das Surreale hat etwas sehr distanziertes, der Blick wird schnell intim und damit zu dominant, wenn man sich einer Sache nähert. Da muss ich als Fotografin aufpassen.

2016 haben Sie in der Berlinischen Galerie die Werkgruppe „In Front Of“ präsentiert, die nicht nur die Form des Porträts aktualisiert, sondern auch über das Genre nachdenken lässt. Eine Fotografie hat mich besonders angesprochen: Ein Porträt im Porträt: „Toyen“. Sie schauen mit Ihrer Kamera der porträtierten Person von hinten über die Schulter und zeigen uns das Foto einer tschechischen surrealistischen Künstlerin. Erst der Titel Ihrer Arbeit verrät uns dies, „Toyen“ ist der Künstlername Marie Čermínovás (1902–1980). Ist dies eine Aufforderung, sich anzustrengen, zu schauen, sich zu erinnern? Oder ist es ein Spiel mit dem Genre des Porträts? Ähnlich Ihrem zu den vielschichtigsten Interpretationen anregenden „Selbstporträt“ mit Lupe?

“Toyen”, aus der Werkreihe “In Front Of”, 2016, Piezography K7, Archiv Print, 46 × 30,7 cm, © Heidi Specker

“Lupe”, aus der Werkreihe “In Front Of”, 2016, Ultrachrome K3, Archival Print, 46 × 30,7 cm, © Heidi Specker

„In Front Of” enthält mehrere Postkarten. „Toyen” ist eine von vier oder fünf. Die Postkarten waren Hilfestellungen, Beispiele für die Modelle, Ansichtsmaterial. Es den Modellen in die Hand zu geben, das Betrachten wird zum Spiegel halten. Manchmal habe ich meinen kleinen Stapel gezeigt. Es ist eine Requisite, schafft eine Situation. Bei „Toyen” gefiel mir die Person und die Fotografie. Das Bild hat etwas Revolutionäres. Das „Selbstporträt“ mit Lupe verbindet sich im Katalog mit Hannah Höch und einer Eule. Beim Betrachten der Welt sollten wir uns anstrengen. Das sagen uns die Eule und die Lupe. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Sonja Gruber