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Interview mit Isabel Martínez Abascal
LIGA, Mexico City

LIGA, Space for Architecture, ist eine unabhängige, wegweisende Plattform für Architektur-Ausstellungen, -Konferenzen und -Workshops mit Sitz in Mexico City. Im Januar 2011 wurde die Initiative gestartet.

Nach dem Erdbeben vom 19. September 2017 musste das Ausstellungsprogramm vorübergehend eingestellt werden, weil das Hauptgebäude erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden war. Ab kommenden März wird das Wander-Ausstellungsprogramm wieder aufgenommen.

Im Sommer trafen wir die geschäftsführende Leiterin Isabel Martínez Abascal, die bis August 2017 für die Gesamtkoordination der Ausstellungs- und Vortragsplattform sowie das Jahresprogramm verantwortlich war. Wir haben uns mit ihr über Herausforderungen, die Ausweitung von Grenzen und die gegenseitige Beeinflussung von architektonischem Raum und künstlerischer Produktion unterhalten.

LIGAs nächstes Buch wird im Juli dieses Jahres erscheinen. Worum geht es darin? Dieses in vier größere Abschnitte unterteilte Buch, die einzeln oder auch in beliebiger Reihenfolge betrachtet werden können, ist zwischen zwei eng verwandten Begriffen angesiedelt: Exponierung und Ausstellung. Im ersten Abschnitt werden die vierteljährlichen Ausstellungen von LIGA 11 bis LIGA 22 zusammengefasst dargestellt. Da alle Informationen über diese Ausstellungen und ihre Urheber, kritische Essays, beschreibende Texte und Fotos online unter www.liga-df.com zur Verfügung stehen, wird in diesem Kapitel das dokumentarische Material nicht dupliziert, vielmehr werden bestimmte Aspekte dieser Beiträge beleuchtet und in einen Diskurs mit bislang unveröffentlichten Texten gestellt, die es überall im Buch zu finden gibt.  

Das vierteljährliche Programm, das auf der Leitidee der Plattform beruht, wird von „Interludien“ wie wir sie nennen, d.h. einer Reihe von Events zur Erkundung spezifischer Themen eingerahmt. Der zweite Abschnitt dieses Bandes widmet sich der Serie „Undisciplined Interludes“ und „Study Interludes“. Die Interludien ermöglichen uns bestimmte Themen eingehender zu beleuchten wie beispielsweise die Beziehung zwischen architektonischem Raum und künstlerischer Produktion oder die Verbindung zu Experten anderer Bereiche: Theater, Fotografie, Video, Anthropologie und Diskursen über urbane Themen. Die Sequenz der Serien unterstreicht die Bedeutung ihres temporären Charakters.

Um die Arbeit von LIGA in den Kontext der aktuellen globalen Szene einordnen zu können, haben wir zehn Autoren eingeladen, ihre Arbeit zum Begriff der „Exponierten Architektur“ in Bezug zu setzen. Die zehn Essays eröffnen zehn verschiedene Perspektiven mit unterschiedlichsten Ausgangspunkten: Hochschule, öffentliches Museum, private Institution, Biennale oder Triennale, Verlagswelt, unabhängige Kuratoren, Räume in Eigenverwaltung, Architekturforschung aus Argentinien, Brasilien, Europa, Mexiko und den USA. Dieser dritte Abschnitt mit kritischen Texten erlaubt es uns in einer Architekturausstellung einen „Blick hinter die Kulissen“ zu werfen und bildet somit ein Gegengewicht zum ersten Kapitel

Wir haben während der Entstehung des Buches mehr als neun Monate lang an einer Serie von historischen Bezügen zum aktuellen Thema gearbeitet. Diese Beispiele haben unter dem Hashtag exponierte Architektur [#arquitecturaexpuesta] auf geheimnisvolle Weise den Weg in unsere sozialen Netzwerke gefunden und nun werden sie auf den Seiten des vierten Abschnittes des Buches vorgestellt. Es geht hier jedoch nur um Absichtserklärungen, das Ganze hat keinerlei enzyklopädischen Anspruch.

Isabel Martínez Abascal

Sie leiten das Projekt seit nunmehr zwei Jahren, was haben Sie in dieser Zeit initiiert oder verändert? Welche Ideen hatten Sie vor Augen als Sie Ihre neue Position antraten? Ihre Frage lässt mich an mein erstes Statement von vor zwei Jahren denken als ich gerade bei LIGA anfing. Damals hatte ich gesagt: „Ich möchte bei LIGA die konzeptuellen und damit geografischen Grenzen des so genannten Lateinamerika  erkunden und erweitern. Es geht mir darum neue Aktionsmöglichkeiten für diese Plattform zu schaffen. Parallel zu den vierteljährlichen Ausstellungen soll ein umfassendes Programm aus verschiedenen Aktivitäten entwickelt werden, die nicht auf einen bestimmten physischen Raum begrenzt sind. LIGA soll ein offener Ort für alle jene Leute sein, die sich für Architektur und die Disziplinen interessieren die mit ihr im Austausch stehen.“ 

Im Rückblick kann ich wohl sagen dass wir die Grenzen des so genannten Lateinamerika in Bezug auf LIGA tatsächlich etwas durchlässiger gestalten konnten. Wir haben mit Experten zusammengearbeitet deren Denken und Arbeit für die Probleme Lateinamerikas relevant sind. Diese kamen jedoch nicht nur aus Südamerika und Mexiko, sondern auch aus den USA und Europa, sogar aus Mittelamerika, ein für uns noch relativ unerforschter Bereich.

In diesen zwei Jahren ist das Aktivitätenprogramm außerdem noch ausgedehnt worden. Zwischen den alle drei Monate stattfindenden Ausstellungen setzen wir noch ein zusätzliches LIGA-Programm innerhalb und außerhalb des Raumes in der Stadt um. Die Interludien sind nun als Serie zu spezifischen Forschungsthemen organisiert; zur Zeit arbeiten wir an der Serie „Remote Interludes“ sowie „Ramble Interludes“.

Remote Interludes beschäftigt sich mit dem Raum zwischen uns, der – großen oder auch kleinen – Distanz, die uns voneinander trennt und der Frage wie wir sie durch Verbindungen unterlaufen können. Heutzutage scheint bereits die Unmittelbarkeit von Emails durch die Benutzung von Apps für Handys (die mittlerweile fast schon Erweiterungen unseres Körpers darstellen) überholt, die die persönliche Kommunikation von Angesicht zu Angesicht abgelöst haben.

Mit dem Projekt Remote Interludes soll untersucht werden, wie wir durch eine gemeinsame und öffentlich dargestellte Sprache in Echtzeit eine Verbindung zwischen zwei Punkten schaffen können. Im Rahmen des Projekts werden zwei Paare aus jeweils einem Architekten und einem Künstler gebildet, die dann eine größere räumliche Distanz zueinander aufnehmen. Das eine Paar absolviert einen Forschungsaufenthalt in Mexiko, während das andere Paar deren Erlebnisse von Spanien aus verfolgt. Sie kommunizieren über einen Online-Chat von WhatsApp, der gehackt und im Internet veröffentlicht wird: interludiosremotos.liga-df.com.

Der Zyklus Ramble Interludes lädt hingegen zu einer Reihe von Spaziergängen ein, die jeweils von einem Ort ausgehen, der eine spezielle Verbindung zur Kultur und der Stadt hat und schwerpunktmäßig auf einen bestimmten Kontext, ein bestimmtes Stadtviertel ausgerichtet ist.

Vertreter von zehn verschiedenen Orten bieten subjektive Führungen im urbanen Umfeld der entsprechenden Gebäude an; sie verweisen spontan auf Situationen, die ihr Interesse erweckt haben oder anonyme architektonische Wahrzeichen. Diese Reihe von Begegnungen zielt auf die Erkundung der Beziehung zwischen der Architektur der Stadt und ihren Benutzern. Anhand von Fallstudien werden die Distrikte verschiedener Gemeinschaften und Kollektive durch Kulturprogramme miteinander verbunden.

Unsere Zielgruppe wächst von Jahr zu Jahr: Es sind Leute, die sich für die Architektur als Disziplin interessieren, die Wissen hervorbringt und Veränderungen bewirkt, die aber selbst unterschiedliche Hintergründe und fachliche Kompetenzen haben.

Die ehemalige Galerie im Erdgeschoß

Das ehemalige Büro mit Blick auf die Stadt

Hatte LIGA anfänglich mit größeren Herausforderungen zu kämpfen? Die größte Herausforderung war 2011 die Etablierung von LIGA in einem Kontext, in dem kein anderes lateinamerikanisches Land einen Ort wie diesen hatte. Die fünf Gründer Abel Perles, Carlos Bedoya, Victor Jaime, Wonne Ickx und Ruth Estévez waren ausgesprochen visionär. Und die Plattform über sechs Jahre aufrecht zu erhalten ist ebenfalls einer großer Erfolg für sie.

Wie haben Sie LIGA damals gesehen und wie sehen sie es heute? Hat sich Ihr Blick auf die Sache geändert? Mit zunehmendem Engagement für ein Projekt erkennt man wie viele Bezüge es zu anderen Dingen und was es alles für die Verbesserung seines Kontexts bewirken kann. LIGA ist ein fortdauerndes Projekt, das sich weiterentwickelt, verändert und an neue Herausforderungen anpasst.

Lassen Sie uns mit diesem Zitat fortfahren: „LIGA, Space for Architecture wurde als kuratorische Plattform geschaffen, um experimentelle Ansätze in der Architektur anzuregen und die Möglichkeiten einer diskursiven Praxis auszuschöpfen, um somit Verbindungen zu anderen Disziplinen zu knüpfen und auszubauen.“ Können Sie uns dazu etwas mehr erzählen? Im lateinamerikanischen Kontext geht es gewöhnlich darum Dinge zu tun, Probleme zu lösen, etwas zu realisieren. Die Architektur hat in diesem Kontext in erster Linie etwas mit praktischer Umsetzung (mitunter ohne zu reflektieren) zu tun und weniger mit einer Reflektion über die Disziplin an sich. LIGA schafft ein Forum für Debatten, Reflektion, Diskurse und Verbindungen mit anderen Akteuren, nicht nur Architekten, sondern Bürgern und Fachleuten aus verschiedenen Bereichen.

Und was bedeutet das Ausweiten/Ausloten von Grenzen in diesem Zusammenhang? Ist es vergleichbar mit einer Hinterfragung von Standpunkten oder geht es eher um gegenseitige Unterstützung? Mit dem Ausloten von Grenzen verbinde ich auch die Erkundung und Darstellung von Räumen und Gebieten. Mit LIGA sollen die Grenzen der Architektur erweitert aber auch durchlässiger gestaltet werden, so dass ein wechselseitiger Austausch mit anderen Wissensbereichen möglich wird

Ein Beispiel wäre das großartige Projekt Interludes de Estudio das sich der Frage widmet wie sich architektonischer Raum und künstlerische Praxis gegenseitig beeinflussen. 2016 hat LIGA sechs Künstler besucht. Können Sie uns etwas über die Ergebnisse und Einblicke erzählen, die Sie erhalten haben? Im Rahmen von Studio Interludes untersuchen wir wie sich der architektonische Raum auf die künstlerische Praxis auswirkt und umgekehrt. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben wir bei einer Reihe von bekannten mexikanischen Künstler Haus- bzw. Atelierbesuche gemacht. Es ging uns vor allem um die Beziehung zwischen einem räumlichen und sensorischen Kontext – visuell, akustisch, Material – und der Arbeit die in ihm geschaffen wird. Im Laufe mehrerer Monate haben wir uns immer stärker mit der kreativen Atmosphäre auseinandergesetzt in der die Arbeiten einer Reihe von Künstlern entstehen. Jeder der Besuche hat vor Ort eine ganz eigene Dynamik entwickelt und entsprechend entwickeln sich aus der individuellen Verbindung des Raumes und der Person, die ihn nutzt spezifische und charakteristische Werke.        

Auf diese Weise hat die Serie eine konzeptuelle Verknüpfung zwischen Architekten der Moderne, die traditionellerweise Reisen zu antiken Sehenswürdigkeiten unternommen haben, und der zeitgenössischen Praxis von Atelierbesuchen geschaffen.

Jeder Besuch war völlig anders – z.B. in der Art und Weise wie ein Künstler sich auf seinen Lebens- und Arbeitsraum bezieht und wie stark er in die Gestaltung dieses Raumes eingebunden war. Durch die Überlagerung der Besuche erhielten wir eine kaleidoskopische, wenn auch unvollständige Antwort auf die Frage, die wir zu Beginn des Projekts formuliert hatten.

Liga 25: Canonical Tropics. Camilo Restrepo /. AGENdA. Foto: LGM Studio - Luis Gallardo.

Es gibt auch diesen 24 Stunden geöffneten und 16 Quadratmeter großen Galerieraum, der vertraut und persönlich wirkt. Wie ist die Idee dazu entstanden? Und nutzen viele Passanten die Gelegenheit? Die ursprüngliche Idee der fünf Gründer hatte mit diesem Raum zu tun. Es war zuvor ein Laden des Bibelbundes, der plötzlich frei war. Mit seinen 16 Quadratmetern und dem ungewöhnlichen Grundriss mit zwei Fenstern wirkt der Raum sehr ansprechend.

Die Galerie nimmt im Prinzip den Flur des Gebäudes ein, das heißt sie ist unter der Woche von 8 bis 18 Uhr und Samstags von 9 bis 15 Uhr geöffnet. Wir beaufsichtigen die Galerie nicht und wissen daher nicht, wer sie betritt, aber es sind offenbar viele Leute. Entweder sie kommen, weil sie spontan das zehngeschossige Gebäude betreten oder weil sie uns gezielt besuchen möchten. Und da es keine Aufsicht gibt verlassen wir uns darauf, dass sich die Besucher respektvoll verhalten.

Bislang haben Sie 25 Architekturbüros hier in der Galerie präsentiert. Im Moment zeigt Camilo Restrepo eine sehr schöne und moderne tropische Installation – tropische transparente Vorhänge. Es ist nicht leicht den tatsächlichen Übergang zwischen Kunst und Architektur zu erfassen. Was genau sind in diesem Zusammenhang die Beschränkungen? Wir laden die Architekten ein, in der Galerie ein Projekt umzusetzen, insofern gehen wir davon aus, dass es auf jeden Fall um Architektur geht und um Beobachtung und Reflektionen über den Raum.

Künstler beschäftigen sich bereits seit den 1960er Jahren auf eine Weise mit Fragen des Raums – im Verhältnis zum Körper oder nicht – der Landschaft und des urbanen Kontextes, die die Architekten und die Architektur selbst gleichermaßen beeinflusst haben. Das heißt, was auch immer als Architektur oder Kunst betrachtete wird, hat für mich etwas mit dem zugrundeliegenden Zweck zu tun und wie ein Projekt entwickelt, gestaltet und umgesetzt wurde.  

Und wie viele Besucher landen in Ihrem Büro nachdem sie spontan das Gebäude betreten haben? Man fühlt sich versucht die hotelähnliche Treppe weiter hochzusteigen. So habe ich auch Ihren Raum gefunden... In das Büro kommen nicht viele Besucher, da sie nicht wissen, dass wir hier sind. Das war sehr mutig von Ihnen bis in das neunte Stockwerk hochzulaufen!

Auf dem Dach gibt es eine Veranstaltungsfläche. Welche Art von Events findet dort statt? Vorwiegend Ausstellungseröffnungen, die mit einem Vortrag des eingeladenen Architekten oder Büros verbunden sind oder andere Formen von Zwischenspielen. 

Können Sie uns Orte, Gebäude oder Räume in der Stadt nennen, die Überraschendes bieten und wo tatsächlich Gegensätze aufeinander treffen und nebeneinander bestehen? Ich mag Orte an denen viele verschiedene Menschen zusammenkommen, beispielsweise Audiorama in Chapultepec, es ist der angeblich größte urbane Park in Lateinamerika in dem klassische Musik gespielt wird und in dem viele Leute einfach lesen. Ein großartiger Ort, der öffentlich und kostenfrei zugänglich ist.

Können Sie uns drei mexikanische Gebäude nennen, die in irgendeiner Weise einen nachhaltigen Eindruck auf Sie ausgeübt haben? Da gibt es einige. Im Rahmen unserer Mittwochsgespräche bei Gastarchitekten versuchen wir unserem Publikum den Besuch bedeutender Gebäude zu ermöglichen, die ansonsten nur schwer zu besichtigen wären. Dazu zählen Max Cetto House, Sala de Arte Público Siqueiros, Casa del Pedregal von Barragán und bald auch das National Museum of Architecture im Bellas Artes Palace.

Das Gebäude von LIGA hat für uns und unsere Arbeit eine große Bedeutung. Der Entwurf stammt von Augusto Alvarez und Sordo Madaleno und es wurde 1949 erbaut. Es erhebt sich wie ein Schiff über die Insurgentes Avenue. Unsere nächste Ausstellung hat viel mit dem Gebäude selbst zu tun, mit seinem Fundament und der mexikanischen Erde. Dabei geht es darum wie hier gebaut wird und welche Teile der Architektur wir nicht sehen, die unsichtbar bleiben, weil sie sich immer unter der Erde befinden. 

Vielen Dank Isabel! (Im Jahr 2015 gründete sie mit Alessandro Arienzo das Architekturbüro LANZA Atelier)

Interview: Dajana Dorfmayr

Vfmk Cdmx Liga 02

LIGA´s ehemaliger Standort auf der „Insurgentes“, eine der wichtigsten Straßen von Mexico City.