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Interview mit Nina Höchtl
Mexico City

Die österreichische Künstlerin Nina Höchtl lebt und arbeitet seit über zehn Jahren auch in Mexico City. Im Interview spricht sie über lucha libre, Geister und kritischen Humor. Neben zahlreichen Aktivitäten widmet sie sich u.a. der Aufarbeitung des Archivs des Österreichischen Künstlerinnenverbandes, VBKÖ

Wir beginnen eher unkonventionell mit „lucha libre“, dem mexikanischen Wrestling. In einem Ausstellungs- und Publikationsprojekt hast du dich intensiv damit auseinandergesetzt. Worin liegt die Kraft dieses sehr populären Sportspektakels, das auf Parodie und Ironie setzt? Es ist die Kombination aus Musik, Kostümen, Masken, Figuren und trainierten Körpern in Bewegung, die lucha libre so attraktiv macht. Genauso wie die erotischen Spannungen und moralischen Rollenbilder, die mit hohem Unterhaltungswert ausgelebt oder parodiert werden. Was ich aber besonders faszinierend finde, ist die Art und Weise wie lucha libre unterschiedliche kulturelle Formen inspiriert: Darstellungen und Strategien der „luchadorxs“ fanden ihre Wege in die Arenen von Kunst und Politik. Nicht wirklich überraschend ist es daher Aneignungen und Adaptionen in den Bereichen Kino, Comics, Mode oder Animation wiederzufinden. Viel weniger offensichtlich ist jedoch die Tatsache, dass lucha libre als eine wichtige Quelle für Künstlerinnen und Künstler und linke politische Bewegungen gilt.

Lucha Femenil Final Color 2017

Poster von einem Wrestling Event, das Nina organisiert hat

Mit dem Titel „La múltiple lucha“ bezeichnest du das Projekt als ein „Gegengemeinsam“ von lucha libre und Kunst. Was bedeutet das? Gegengemeinsam ist ein Konzept, das ich im Zuge meiner Auseinandersetzung mit lucha libre entwickelt habe. „Versus“ ist das Leitprinzip von lucha libre und es hat die Fähigkeit eine Reihe von scheinbar zusammenhanglosen Gegenspielerinnen und Gegenspieler oder Gegensätze aufzurufen: Sport versus Performance versus Theatralik versus Melodram versus Mimikry versus Spektakel versus Kunst versus Aktion versus Korruption versus Widerspruch versus […] Dieses „Versus“ findet nicht nur im Ring statt. Die performative Teilnahme des Publikums ist an seiner Konstruktion auch beteiligt. „Versus“ verweist auf jene Situationen, in denen zumindest zwei Parteien in irgendeiner Weise als Gegenspielerinnen und Gegenspieler aufeinandertreffen – eine Partei steht gegen eine andere. Die Verwendung von „versus“ innerhalb der „luchas“ kann allerdings nicht einfach als „gegen“ gelesen werden, da das Publikum und die „luchadorxs“ gemeinsam arbeiten und kämpfen müssen, damit nichts schief geht. Es ist erforderlich gemeinsam zu kollaborieren, um die Dynamik, die in der Arena so entscheidend ist, herzustellen. Das „Versus“ so zu denken und zu praktizieren impliziert ein Aufbrechen von opponierenden Kategorien und Praktiken. 

Innenansicht “La múltiple lucha”

Innenansicht “La múltiple lucha”

Was begeistert dich am meisten an Mexico City? Die ständige Herausforderung! Mexico City konfrontiert einen ständig mit Fragen, sie hält einem einen Spiegel vor und rüttelt an der Basis des Bekannten und Gewohnten. Immer wieder bewegt es mich zu erleben, wie mit Not, Gewalt und Unterdrückung in ihren unterschiedlichsten Formen kreativ und widerständig umgegangen wird und wie sich viele dabei gegenseitig unterstützen. Das war und ist so anders als ich groß geworden bin. Vor allem sich eine Art von Kontrolle im Chaos zu erarbeiten, um die chaotischen und unsicheren Bedingungen zumindest bis zu einem gewissen Grad (gemeinsam) steuern zu können; die Angst vor Gewalt zu fassen, sich dabei weder durch die Umstände klein kriegen lassen, noch sich davon abzuhalten, einander zu beschützen, zu unterstützen und zu teilen.

Hier sieht man sich mit Widersprüchen, Problemen, aber auch mit enorm viel Energie konfrontiert. Kann das mit der Zeit auch anstrengend werden? Ja klar, und es macht mich auch traurig und wütend. Seit Jahren gibt es hier einen Krieg, der offiziell als Krieg gegen Drogen bezeichnet wird, der aber vielmehr ein Krieg gegen die Jugend, Frauen, Transpersonen, Indigene Gruppen, kritische Journalistinnen und Journalisten, politische Opposition, Leben, das als weniger wert erachtet wird, und gegen das Land (die Ressourcen) selbst ist. Inmitten dieses Szenarios der Gewalt gibt es aber gleichzeitig auch Manifestationen und Kämpfe für ein menschenwürdiges Leben in Form von kollektiven, künstlerischen, feministischen und transfeministischen sowie indigenen Widerständen. 

Woraus ergeben sich die allgemeine Tatkraft, das Engagement und die Fantasie – alles ist so bunt, ungewohnt und lebendig hier. Durch die Verbindung von vielen verschiedenen Menschen, vielen verschiedenen Gruppen, die sich um verschiedene historische, ethnische, kulturelle und politische Identitäten und Konzepte versammeln. Viele von ihnen beginnen gemeinsam Zustände und Strukturen zu erkennen und sie herauszufordern. Diese Arten des Widerstandes finden nicht nur auf rein sprachlicher Ebene statt. Im Sinne von Judith Butler und Silvia Rivera Cusicanqui machen sie deutlich, dass körperliches Handeln und Gesten auch politische Forderungen aufzeigen können. Ein wichtiges Beispiel dafür ist der Nationale Indigene Kongress (CNI) und seine Wahl der Nahua-Indigene, María de Jesús Patricio Martínez. Sie ist dieses Jahr als Sprecherin des basisdemokratisch gewählten Indigenen Regierungsrat (CIG) als unabhängige Kandidatin bei den Präsidentschaftswahlen angetreten. Sie betonte: „Wir kämpfen nicht für Stimmen. Wir kämpfen für das Leben und das Leben ist das Wasser, das Land, die Erde, und das alles wird gerade zerstört. Und weil wir weiterleben wollen, haben wir entschieden, diesen Schritt zu tun.“ Für mich geht es hier auch darum Visionen und Vorstellungen einer anderen Welt in Umlauf zu bringen, um weitere transformatorische Handlungen und Haltungen zu wecken. 

Collage mit den Fotos aus “La múltiple lucha”

In Wien bist du auch tätig. Mit Julia Wieger arbeitest du das „Archiv der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs, VBKÖ“ auf – ein 1910 gegründeter Frauenkunstraum, der trotz seiner progressiven Anfänge 1938 mit dem NS-Regime kollaborierte und zwischendurch leider in Vergessenheit geraten ist. Ihr bezeichnet euch als Sekretariat für Geister, Archivpolitiken & Lücken, Sgkal“. Gewährst du uns ein paar Einblicke ins Archiv? Im Archiv der VBKÖ finden sich Schriften, Bilder und andere Dinge, die im Laufe der Jahre im Sekretariat abgelegt wurden. Zu einem Vereinsarchiv gehören Unterlagen wie Statuten, Protokolle und Schriftwechsel, und im Fall einer Künstlerinnenvereinigung auch die Sammlung der Werke. Was wir nicht finden, sind zum Beispiel Entscheidungen, die nicht im Protokoll festgehalten wurden; Meinungen, die nicht ausgesprochen wurden; Zeugnisse von Widerstand, die es nicht ins Archiv geschafft haben, die es vielleicht auch nicht gegeben hat. […] Wir verstehen das Archiv als einen Ort politischer Konfrontation, um in der Gegenwart zu handeln und zu intervenieren, um Vorstellungen für die Zukunft zu entwerfen und Gespenstern die Türe zu öffnen. Mit unserem Film „Spuken im Archiv!“ versuchen wir einen langen fragmentarischen Schnitt durch die Geschichte und Geschichten der VBKÖ und ihr Archiv. Hier treffen Gespenster nationalsozialistischer Ideologien auf die Gespenster kolonialer Fantasien und teilen sich die Szene mit alten und neuen Geistern feministischen Handelns. Das Material im Archiv wird heimgesucht, Diskussionen ausgesetzt und in Verbindung gebracht.

Wie geht ihr mit den Geistern der Vergangenheit um und wie umgeht ihr dabei Entweder-Oder-Urteile? Uns scheint, dass diese Geister Ansprüche stellen, uns an Unabgegoltenes und Vergessenes erinnern und uns herausfordern. Gleichzeitig ist durch ihr Erscheinen klar, dass wir uns nie sicher sein können, ob wir sie tatsächlich gesehen oder gehört und auch verstanden haben. Können wir unseren Sinnen, unserem Verstand, unserer Recherche und Auseinandersetzung trauen? Und hier sind wir schon mittendrin in einem Zwischenraum von einem Entweder und einem Oder, denn mit den Gespenstererscheinungen verschwinden scheinbar klare Grenzen. Sie sind ein Zeichen dafür, dass es immer Dimensionen unseres Seins, unserer Recherche und unserer Beschäftigung gibt, die uns entgleiten, die wir nicht (ein)sehen oder (er)fassen (werden) können. Jacques Derrida fordert einen umgangslosen Umgang mit den Gespenstern. Wie kann sich so ein umgangsloser Umgang gestalten? Vor allem dann, wenn das Gespenstige im eigentlichen Sinne NICHT ist, sondern sich aus dem Zwischenraum von Ab- und Anwesenheit erzeugt und verdichtet? Zudem halten sich Gespenster an keinen Umgang, sie wechseln, doppeln und machen Bedeutungen, Interpretationen und Kontexte abspenstig. Uns geht es darum die Gespenster der Vergangenheit und der Zukunft, ihre Widersprüche, sprechen zu lassen und mit ihnen leben zu lernen.   

Deine Arbeit ist sehr vielschichtig, komplex und nicht leicht zu fassen. Du bewegst dich im Feld der ästhetischen Forschung, beschäftigst dich mit Feminismus, Identität, Sprache und Kommunikation. Wonach bist du momentan auf der Suche? Mit Invasorix nehmen wir gerade einen Song auf, mit dem wir versuchen, auf parodistische Art und Weise unsere Gedanken und Erfahrungen über das „interne und externe Weiße“ durch Worte, Gesang, Rhythmus und Bewegung zu teilen. Wir bringen es mit weißem Rauschen in Verbindung, das wie eine nicht sichtbare und kaum hörbare Macht, Körper, Länder, Ressourcen und Zugänge hierarchisch organisiert. Durch den Song versuchen wir die scheinbar weniger störenden sogar mehr beruhigenden Geräusche des weißen Rauschens zu unterbrechen und dadurch die komplexen Überschneidungen und Machtdynamiken, die blinden Flecken und unterschiedlichen Privilegien, die innerhalb und außerhalb unsere Gruppe mal mehr und mal weniger offensichtlich sind, mit kritischem Humor aufzugreifen. 

Als Dozentin (UNAM, Nationale Autonome Universität von Mexiko) lässt du Theorie gerne performativ erfassen. Mit welchem Ergebnis? Das ist ein Anspruch, den ich zusammen mit Rían Lozano und Coco Magallanes verfolge. Also ein Anspruch, der nicht alleine umgesetzt werden kann. Wir sind der Meinung und unsere Erfahrung zeigt uns, dass zum Beispiel dramatische Lesungen die Scheu vor komplizierten Texten nehmen. Was verstehen wir und wie tun wir es, wenn wir diese mit unseren Körpern in Szenen setzen? Welche Übersetzungsprozesse finden hier statt?

Ist die theoretische Hinwendung anders als in Europa? Die Kontexte, an denen ich teilgenommen habe – also hauptsächlich in Mexico City – ermöglichen größtenteils einen Raum in denen sich Theorie und Praxis, oder vielleicht mehr, das eigene Tun, verschränken. Das hat mir die wechselseitige Bedingtheit von Praxis und Theorie noch viel deutlicher gemacht und es wurde mir auch viel klarer, dass Vieles, das getan wird durch Theorien informiert ist und zwar unabhängig davon, ob über diese Theorien explizit gesprochen wird oder nicht. Mir scheint, dass hier Theorien oftmals einen Raum geben, um zu planen, Strategien zu entwerfen, mehr Handlungsmacht über unterschiedliche Widerstandsformen zu erhalten, Visionen und Vorstellungen einer anderen Welt denken und praktizieren zu können.

Ist Kritik ein großes Thema? In den letzten Jahren ist Kritik – vor allem innerhalb der zeitgenössischen Kunstproduktion in Mexiko – zu einem größeren Thema geworden. Es gibt unterschiedliche Initiativen, wie zum Beispiel den Blog de Crítica, der 2015 u. a. von Alumnos ins Leben gerufen wurde. Das Projekt „CRITS“ (Kritische Runden der Durchsicht von Projekten) wird seit 2 Jahren vom MUAC organisiert wird und ermöglicht Studierenden der Kunstfakultät eine Kritikrunde mit einem Kunstschaffenden, einer Kuratorin oder einem Kuratoren. 

Wie kann man zum Denkanstoß, zur politischen Bewegung, zum Aktivismus motivieren, vor allem in Europa? Ich denke es geht darum, mehr und mehr kollektive Orte der Auseinandersetzung und des Austausches zu schaffen, an denen Widersprüche möglich sind. 

Wie weicht man verhärtete Strukturen am ehesten auf? Mexiko ist durchzogen von einem (internen) Kolonialismus, der Strukturen stützt, von denen einige wenige profitieren, die aber auch von denjenigen, die es nicht tun, aber ihre Arrangements gefunden haben, aufrechterhalten wird. Für mich stellen sich dabei die Fragen: Welche Arrangements gehe ich, eine überausgebildete Weiße aus Europa, bewusst oder unbewusst, ein? Wie und welche Hebel können gefunden und von wo aus können sie angewendet werden, um diese Strukturen und Arrangements zu verändern? Für mich war und sind diese Hebel feministische, queer/cuir, deskolonialisierende Theorien und Praxen, die, was mir sehr wichtig ist, im Austausch mit anderen Körpern geteilt, hinterfragt, diskutiert und angewendet werden. 

Dein Künstlerbuch „Somewhere between Desire and Waiting“ soll beim Lesenden Veränderung bewirken. Kannst du uns mehr darüber erzählen? Ich beschäftigte mich damals mit dem Formats des Interviews, seine Rolle in Rechercheprozessen: Wie Fragen, ihre Wortwahl und Formulierungen oftmals Antworten vorwegnehmen oder sie sehr beeinflussen und wie das Interview sowohl die Fragende und den Fragenden als auch die Antwortende und den Antwortenden porträtiert. Als ich über Interviews, die ich geführt hatte, mit anderen Menschen sprach, wurde mir erst klar, wie leicht verändert ich jedes Mal über sie sprach. Die Eckdaten blieben zwar die selben, jedoch die Reihenfolge, die Punkte bei denen ich in die Tiefe ging oder was ich nicht der Rede wert fand, hatte eben mit den Fragen und den Interessen derjenigen zu tun mit denen ich gerade sprach. Die Erzählungen über uns ändern sich über die Zeit, im jeweiligen Kontext, mit jenen Menschen, denen wir uns mitteilen und der Sprache, die wir dabei wählen. 

Vielen Dank Nina!

Interview: Dajana Dorfmayr

Am 11. September 2018 eröffnet um 19.00 die Gruppenausstellung El derecho ajeno | Das Recht des Anderen mit Nina Höchtl und weiteren Künstlerinnen und Künstlern im Mexikanischen Kulturinstitut Wien. Die Ausstellung versammelt künstlerische und dokumentarische Recherchen zu gekreuzten Geschichten von Mexiko und Österreich. Dabei zeigen sich die komplexen Beziehungskonjunkturen und politischen Mythologien, die diese Geschichten durchziehen.