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Interview mit Alicia Paz
London

Im letzten Sommer trafen wir die in London lebende Künstlerin Alicia Paz. Wir sprachen über Chisenhale, lokale Herausforderungen und Einfachheit.

Ein angenehmer Ort! Wir befinden uns in den Chisenhale Studios neben der Chisenhale Gallery. In welcher Beziehung stehen beide Kunstorganisationen zueinander? Die Chisenhale Gallery und der Chisenhale Dance Space sind von den Chisenhale Art Studios in ihrer Programmgestaltung und Verwaltung unabhängig, aber sie stehen alle unter der Schirmherrschaft des Chisenhale Art Place. Die unmittelbare Nähe der drei Organisationen bietet eine gute Möglichkeit für Dialog, Zusammenarbeit und Quereinflüsse. Einige Künstler, die in den letzten Jahren in den Chisenhale Studios arbeiteten, haben mit Tänzern und Choreographen, so auch mit mir, zusammengearbeitet. Die faszinierenden und wichtigen Ausstellungen, die in der Chisenhale Gallery unter der Leitung von Polly Staple stattfanden, waren nicht nur für uns, sondern auch für eine größere Öffentlichkeit inspirierend.

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Studio Ansicht

Du wurdest in Mexiko geboren und hast längere Zeit in Kalifornien und Paris gelebt, ehe du dich in London niedergelassen hast. Warum gerade jetzt London? Nachdem ich zehn Jahre in Paris gelebt hatte, spürte ich 1999 eine neue „Wanderlust“ in mir und war neugierig auf die britische Kunstszene. Mit meinem kulturellen Gepäck als halbe Mexikanerin und halbe Amerikanerin, und nach einem Leben in Frankreich, erschien Britannien als eine geeignete Brücke zwischen Europa und den Amerikas, und als ein Ort, an dem ich meine kulturelle Identität frei ausloten konnte. Darüber hinaus interessierte mich auch das Verhältnis der Briten zur Malerei. Der postmoderne Kurs, dessen Ergebnis eine Art „Endspiel“ und der sogenannte „Tod der Malerei“ war, schien eine weniger rigide Position in Britannien zu haben. Die Postmoderne stützte sich schon immer auf die Prämisse, dass die Moderne alle Möglichkeiten ausgeschöpft habe, was natürlich lächerlich ist. Ich hatte zeitgenössische Gemälde aus Britannien gesehen und sie bewundert, und nun wollte ich einige Zeit dort verbringen. Damals wurde ich als Artist in Residence am Delfina Studio Trust in Bermondsey angenommen. Im Anschluss daran setzte ich meine Post-Graduierten-Kurse am Goldsmiths College und am Royal College of Art fort. Eins kam zum anderen und seit 18 Jahren lebe ich nun schon mit meiner Familie in London. Ich habe immer noch das Gefühl, dass die Stadt sich laufend selbst erfindet und es immer etwas Neues zu entdecken gibt. Die kreativen Industrien in London sind immer noch stark und dynamisch. Ich habe das Glück, als Akademikerin in diesem Kontext arbeiten zu dürfen. Gegenwärtig lehre ich als Lehrbeauftragte für Malerei am Wimbledon Campus der University of the Arts London.

Das künstlerische Ergebnis ist „eine eklektische Mischung kultureller Einflüsse“ und Stile. Irgendwie erscheinen deine Arbeiten wie „selbstgemachte Einheiten“. In wieweit sind sie wirklich selbstgemacht und von den Ortsveränderungen beeinflusst worden? Jeder Ort, an dem ich gelebt habe, hat mich und meine Arbeit jeweils anders beeinflusst. Es findet eine Art Chemie (oder Alchemie) zwischen jedem Individuum, ihrer persönlichen Geschichte und dem Ort, an dem sie sich befinden, statt. Eine neue Umgebung kann in Künstlern Elemente aus dem tiefsten Inneren aufsteigen lassen, die sich nie hätten vorstellen können. Ich weiß nicht, ob ich verstehe, was du unter „selbstgemacht“ verstehst, aber vielleicht beziehst du dich auf eine organische Qualität? Seit ich in UK lebe, entdecke ich in meiner Arbeit ein Interesse für ‚Gothic’ Atmosphäre und Naturverbundenheit. Meine Arbeiten entstehen in einem Bewegungsablauf, einer Art Wachstum, in dem Ornamente und Blumen- und/oder Pflanzenmotive ganz allmählich auftauchen, mal mehr und mal weniger im Überfluss. Die Ergebnisse können ästhetisch oder grotesk sein. Der Prozess vollzieht sich eher instinktiv, so als ob das Gemälde mir mitteilt, was ich tun soll.

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Alicia Paz

Was ist mit Mexico City, dem geliebten Monstrum? Denkst du daran, eines Tages zu deinen Wurzeln zurückzukehren? Ja, eines Tages würde ich gern wieder dort eine Weile leben. Aber ich glaube, dass ich mich dort nicht für immer niederlassen würde (obwohl man das auch nicht weiß). Aber es wäre natürlich sehr interessant, irgendwann in meine Geburtsstadt zurückzukehren – so als schließe sich ein Kreis. Ich habe das Gefühl, dass meine Arbeit mit vorangegangenen Generationen mexikanischer Künstler tief verbunden ist, also auch mit anglo-mexikanischen Surrealisten wie Leonora Carrington. Was die zeitgenössische Kunstszene mit ihrem starken Konzeptualismus, ihrem Sozialengagement und ihrer Beziehungsästhetik angeht bin ich neugierig, wie meine Arbeit auf diese Einflüsse reagieren würde. Letztendlich aber sind es die sinnliche Vielfalt, die komplexe Körperlichkeit und das Chaos des mexikanischen Lebens, die meine Arbeit wahrscheinlich am meisten beeinflussen würden.

„Bäume, Monster, Kitsch, Blumen, Frauen und Mädchen, Masken, Kleider, Muster, Schmuck, Abwesenheit oder Beschränkung von Händen, Umhüllung, Spielereien, Ketten.“ Es geht um Maskerade, Fließen, Erscheinung, Oberfläche, Überschreitungen und Metamorphose. Es ist gar nicht einfach, nicht wahr? Deine Worte beschreiben meinen Arbeitsprozess, denn diese Elemente sind die Requisiten oder symbolischen „Möbel“, mit denen ich eine Art Scheintheater oder fantastische Welt erschaffe, in der ich Identität als etwas Multiples und Fließendes ausloten kann. Es ist auch eine sehr weibliche Identität, aber eine die archetypische Gegensätze von Schönheit und Monstrosität in seinem äußerlichen und innerlichen (moralischen) Sinn balanciert. Die „Schöne“ und das „Biest“ sind ein und dieselbe Person. Ketten, Spitzen, Bänder und Juwelen sind in gewisser Weise wie Gräser, Pflanzen, Blumen und Efeu, Dinge, die sich um etwas oder jemanden drapieren oder hängen lassen, die schön aussehen, aber auch eindringen können, die Elemente in ihrem kontinuierlichen Wachstum verbinden und stark halten, ja wie eine wuchernde Wisterie oder Schlange sogar einfangen und erwürgen können.

Werk im Werden

Werk im Werden (Magdeburg)

Deine Gemälde zwingen den Besucher sich zu bewegen, um die Montage erforschen zu können. Wie baust du diese Welten? Ich beginne mit einer Skizze oder einem einfachen Modell in kleinem Maßstab, aber die Idee selbst entwickelt sich im Malprozess ohne vorheriges großes visuelles Planen. Ich habe viele Fotos in meinem Atelier herumliegen und Bücher und kleine Objekte, die ich auf der Straße gefunden habe, wie Spielzeuge, Handschuhe oder einen Babyschuh. Manchmal, wenn ich in einem Prozess stecken geblieben bin, schaue ich mir vielleicht ein Buch von Hiroshige auf meinem Studioregal an oder die Rokoko-Räume im V&A Museum oder die Fotokopie von Science-Fiction Comic-Büchern in einer Bibliothek, um Inspiration für eine Szene oder eine Heldin zu finden. Meine Arbeiten funktionieren auf der Mikro- und auf der Makroebene, so dass der Betrachter sie sowohl aus der Nähe als auch aus der Entfernung anschauen muss. Ich male gerne Gemälde in Gemälden, wie ein mise en abime. Manchmal adaptiere oder eigne ich mir schon vorhandene Bilder an, manchmal male ich meine eigenen, und gewöhnlich haben meine Arbeiten eine hybride Anmutung. Sie involvieren mehrere Malsprachen und Materialien und verwenden gemischte Medien. Collage, Impasto, fein gemalte Details, klobige Tropfereien in Acryl, farbgesprühte Pochoirs – alles ist möglich. Ich verwende Materialien wie Glitter und Quasten, füge Zirkus-ähnliche, kitschige Elemente ein. Aber sie sind verwoben mit Bereichen, die ich mit qualitativ hochwertigen Ölfarben und Pigmenten gemalt habe. Meine Papierarbeiten und Assemblagen (oft maskierte Portraits oder Monster) sind sehr strukturiert aufgebaut und müssen durch Displaykasten-ähnliche Glasrahmen geschützt werden. Ich verstehe sie als Kuriositätenkabinette oder Displaykästen mit einem Schmuckstück oder tropischen Insekt. Sie haben diese Art von fremdartiger Geschäftigkeit und viele kleine Details.

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Studio Detail

Irgendwie entziehen sie sich dem vorher gesagten Tod der Malerei. Wie Subjekte es tun, richtig? Der sogenannte Tod der Malerei ist nichts als ein Beweis für die Raffinesse und hohe Entwicklung der Malerei als Kunstform. Die Tatsache, dass sie „viele Leben“ gehabt hat und das Vehikel für so viele kreative Kräfte durch die Geschichte hindurch (vom Höhlenmenschen bis heute) gewesen ist und von unzähligen sozialen und philosophischen Strömungen inspiriert wurde, macht die Malerei zu einem wunderbaren Gebiet für Selbstreflexion. Mit so viel Gepäck, kann das Medium sich ebenso selbst reflektieren wie ein Selbst oder Subjekt auch. Ich denke gern an einen Autor, einen Künstler, der mit ihr oder seinem eigenen Ausdrucksmittel verschmilzt und diese Verschmelzung kann eine Art existentielle Metapher sein.

In Magdeburg gibt es eine Baumskulptur mit dem Titel Island of Dolls [Insel der Puppen] – eine Referenz auf die echten Puppen im See von Xochimilco in Mexico City? Meine öffentliche Skulptur zeigt eine vierseitige „Baum“-Struktur von 5.10 Meter Höhe, die von weiblichen Figuren aus verschiedenen Zeitperioden bewohnt wird. Mehrdeutige Narrative und ironische Märchen spielen zwischen den Zweigen Versteck. Die Frauen sind nicht als Individuen konzipiert (obwohl einige sehr bekannt sind), sie bleiben innerhalb der Skulptur eher angedeutet oder anonym. Durch diese Portraits können, ähnlich wie in meinen Gemälden, bestimmte Archetypen erforscht werden. In der femininen Landschaft, die aus dem Unterbewussten emporsteigt, tauchen plötzlich psychologische Projektionen auf und sie können instinktiv schöne, groteske, humorvolle oder dramatische Form annehmen. Jeder Charakter trägt das Potential einer eigenen Geschichte in sich, die mit dem anderer Figuren verwebt. Der Titel geht auf eine Unterhaltung mit der mexikanischen Archäologin Elizabeth Baquedano zurück, die mir einige Maya Legenden erzählte, die Köpfe in Bäumen involvieren und auch von einer „Insel der Puppen“ in den Kanälen von Xochimilco, wo ein Mann Hunderte von alten, müden und schmutzigen Puppen auf den Bäumen dieser kleinen Insel aufgehängt hat. Es wird erzählt, dass seine junge Tochter ertrank, und eine Puppe im Wasser gefunden wurde. Für ihn war dies der Anfang eines kumulativen Prozesses, vielleicht eine Art zu trauern. Mein eigener Baum ist nicht so makaber wie diese Beschreibung, aber mit gefiel der Klang dieses Satzes als etwas Geheimnisvolleres. Weiter verweise ich auf Julia Kristevas Text Severed Heads, in dem sie den Kopf als Symbol und Metapher untersucht, und auf Billie Holidays Song Strange Fruit gegen Rassismus und Unterdrückung.  Aber diese Elemente, die mich inspiriert haben, sind mit vielen anderen verbunden und flüstern nur. Die Arbeit bleibt vieldeutig.

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"Island of Dolls" vor dem Kunstmuseum Magdeburg

Was fordert dich gerade heraus? Ich entwickele gerade eine neue Serie mit Delfter Kacheln. Die Gemälde repräsentieren gekachelte Wände und Figuren, die Bilder als Raster erforschen und Unterbrechungen, Fragmentierungen, Muster und Wiederholungen integrieren, wobei Kacheln, wenn sie beschädigt, ersetzt und restauriert erscheinen, unvollkommene Repräsentationen sein können. Mich interessiert diese Mischung aus Funktionalität, Dekor und Unvollkommenheit in einem Portrait. Ich hoffe, eine starke Gruppe von Gemälden für meine nächste, im September 2018 geplante Einzelausstellung in der Galerie Dukan in der Spinnerei in Leipzig fertig zu stellen.

Was liest du? Eben lese ich weniger theoretische Bücher sondern klassische und zeitgenössische Literatur wie zum Beispiel Germinal von Zola. Mein nächstes Buch ist Die Verschwörung der Idioten von John Kennedy Toole, das in Louisiana spielt.

Vielen Dank Alicia!

Interview: Dajana Dorfmayr