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Interview mit Anna Schachinger
Lulu, Mexico City

Letztes Jahr haben wir die in Wien lebende, österreichisch-ecuadorianische Künstlerin Anna Schachinger in Mexico City getroffen und mit ihr über ihre Ausstellung in der Galerie Lulu, über die Grenzen von Bedeutung und weiße Krokodile gesprochen. 

Wie bist du nach Mexico City und zu Lulu gekommen? 2016 war Chris Sharp (freier Kurator) in Wien und hat zufällig meine Bilder gesehen und mich dann um ein Studiogespräch gebeten. Danach sind wir in Kontakt geblieben. 

Deine Ausstellung trägt den Titel „alles”. Das weckt meine Neugier! Kannst du uns etwas mehr darüber erzählen? Die Ausstellung widmet sich den Möglichkeiten der Malerei, der Analyse der Materialität, um tief in jene schmalen Ritzen vorzudringen, die die Malerei eröffnet, um eine zugleich klare und distanzierte Perspektive auf sie einnehmen zu können. Im Spanischen ist „alles“ kein Wort. Nur beinahe. Es gibt viele verwandte Wörter: calles, valles… Die Möglichkeit der Bedeutung wird hier unterstrichen, ohne sie jedoch tatsächlich einzulösen. 

Vfmk Cdmx Lulu 05

Lulu

Die Arbeiten sind zwischen 2014 und heute entstanden, sie sind ziemlich klein, doch eindrucksvoll. Wie haben sie sich entwickelt? Es handelt sich um ein Format, dass ich in den letzten Jahren fortwährend benutzt habe. Manchmal um bereits angemischte Farbe aufzubrauchen, manchmal um neue Ideen für zukünftige Bilder zu finden und manchmal für beides oder auch nichts dergleichen. Jede Arbeit steht für sich selbst ein. Diese Ausstellung kann aber auch als eine Art Repertoire der malerischen Ideen mit denen ich mich in den vergangenen drei Jahren beschäftigt habe verstanden werden.

Ausstellungsansicht „alles“ (Lulu)

4 x "Untitled", 22 x 27 cm, Ausstellungsansicht „alles“ (Lulu). Foto: Chris Sharp

Kannst du uns mehr über deine Herangehensweise erzählen – ist sie eher intuitiv oder konzeptuell? Diese beiden Aspekte kann ich nicht wirklich voneinander trennen.  

Wo findest du Inspiration für deine Arbeiten? Das Wort Inspiration mag ich nicht so sehr. Oder vielleicht kann ich sie einfach nicht finden. Ich glaube es geht mir eher darum, in der Arbeit selbst Sachen rausfinden zu können, und nicht so sehr um Inspiration. 

Du bist an vielen verschiedenen Orten der Welt aufgewachsen – Indien, Nicaragua, Ecuador. Wo bist du am liebsten bzw. wo fühlst du dich am meisten zuhause? Ich bin Wienerin. Ich war weder in Indien noch in Nicaragua, nachdem wir dort weggezogen sind. Mit Ecuador ist das anders. Nach der Schule habe ich in Quito gelebt und ich habe regelmäßigen Kontakt zu meiner Familie dort. Es ist ein Ort nach dem ich mich sehne. Aber habe ich festgestellt, dass ich nur in Europa wie eine Lateinamerikanerin aussehe. 

Im Moment lebst du in Lissabon. Was machst du dort? Ich nehme am internationalen Studienprogramm maumaus teil. Ich habe dort auch ein Atelier, also male ich. Und wenn ich Zeit habe, fahre ich ans Meer. Ansonsten gehe ich viel. In Lissabon geht man viel. 

Deine Bilder sind tiefgründig, lebendig, mythisch und ansprechend. Was bedeutet dir die Malerei? Wenn ich am Malen bin, wache ich morgens gerne auf. Durchs Malen kann ich das Erlebte, oder was ich mir so dazu denke, verarbeiten, in eine Form bringen. Ich finde Malen noch immer schwer und ich mag die Entwicklung, den Prozess in jedem Bild. Ich hoffe, dass das Resultat auch gut ohne mich weiterleben kann.

„Poetische Arbeiten in denen eine mythische und erzählerische Symbolik mitschwingt“ – woher beziehst du diesen Ansatz?  Einige meiner Arbeiten sind sicherlich genau das. Bei der Ausstellung „white crocodile” habe ich ganz offenkundig mit diesen Begrifflichkeiten gespielt. Mich hat interessiert wie die Bilder mit Bedeutung aufgeladen werden können. Zugleich geht es in dieser Werkgruppe auch um die Grenzen von Bedeutung und die Ungewissheit einer gemeinsamen „mythischen“ Sprache. 

Deine Bilder erzeugen in mir ein Gefühl der Zufriedenheit, weil in ihnen genügend Bedeutung zu finden ist. Ich bin nicht abgelenkt; sie sind vollkommen und ich fühle mich leicht. Die Freude am Mythisch-Narrativen? Für mich wiegen die narrativen Elemente in den Arbeiten manchmal ziemlich schwer. Ich versuche den Bildern auf anderen Ebenen eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen, um mit ihrem Gehalt besser umgehen zu können. 

Und wie sieht es aus mit dem Verhältnis zwischen Sprache und Malerei? Malerinnen und Maler sagen oft, dass sie malen, weil sie sich mit Worten nicht ausdrücken können. Aber die Bildsprache ist letztlich auch eine Sprache. Man lernt es zwar nicht in der Schule, aber es ist eine kulturell vermittelte Sprache. Auch Bilder müssen gelesen werden.

Ist es vergleichbar mit rationales versus wildes Denken, beides sind mögliche, wenn auch verschiedene Ansätze, um die Welt zu strukturieren? Eigentlich möchte ich beides in meiner Arbeit verbinden. Ich glaube, dass die Trennung von rationalem und wildem Denken sehr viele langweilige Arbeiten hervorbringt, in der Malerei wie in der Kunst im Allgemeinen. Beiden Versuchen einer Strukturierung der Welt geht auf halber Strecke die Luft aus.

Ist das folgende Gedicht über das weiße Krokodil von dir?  


how to look into a crocodile mouth

how to catch a crocodile mid-air

how to feel your mother’s sturdy grip around your neck

how to stand closely as a group

 

about white crocodiles, 

about fear.

 

(of taking responsibility)

(of your neighbor)

(of failing hard)

 

how to inhale common sense 

and exhale white crocodiles

 

Ja, das ist von mir. Es war der Einladungstext für die Ausstellung white crocodileim Kunstverein fAN und stellt eine Liste der Titel der Arbeiten dar.

Groupschachinger

„group“ (fAN Kunstverein). Foto: Manuel Carreon Lopez

Ähnelt die Beziehung zwischen Sprache und Malerei auch der Dynamik von weißem Krokodil und gesundem Menschenverstand in deinen aktuellen Bildern? Wer ist hier wer? Sprache als das weiße Krokodil und die Malerei als gesunder Menschenverstand? Ich habe sicherlich schon einiges an Terpentin eingeatmet, Angst vor der Sprache habe ich aber keine. Vielleicht nur wenn unter Sprache jene öffentliche Konversation verstanden wird, die in der westlichen Welt gerade stattfindet. Die allgegenwärtige schizophrene Verwendung von Sprache in der Öffentlichkeit, die macht mir Angst. Aber es ist mittlerweile schon eine Plattitüde weiter darüber zu reden. Ich würde sagen, dass diese Bilder etwas mit Courage zu tun haben, dem Augenblick, in dem die Angst besiegt wird. 

Kannst du uns über die Figur des weißen Krokodils etwas mehr erzählen? Auf der Eröffnung von „white crocodile“ hat mir jemand erzählt, dass es tatsächlich weiße Krokodile gibt: Wenn jemand ein kleines süßes Krokodil als Haustier hält und es dann in der Toilette runterspült, weil es zu monströs für das Wohnzimmer geworden ist, hat das Tier gute Chancen in der Kanalisation weiterzuleben (vorausgesetzt es gibt dort keinen Winter). Mit der Zeit bleichen die Pigmente in der Krokodilhaut aus, bis diese ganz weiß ist.

Wie sieht es mit dem Zusammenspiel der Menschen in deinen Bildern aus? In der Serie „each“ erscheinen sie in einer Gruppe von Personen oder auch alleine. Was bedeutet dir Zusammengehörigkeit, Herkunft, Bündnisse und Vermächtnisse? Sehr viel. Aber ich bin nicht so gut in all dem. 

Ich habe gelesen, dass du dich so weit es geht von Computern und dem Internet fern hältst und diese Technologien vermeidest. Warum dieser Widerstand? Geht es dir um Freiheit? Na ja, ich hab eh einen Toaster. Ich bin nicht generell gegen Technologie, und ich glaube auch nicht, dass das überhaupt möglich ist, wo und wie ich jetzt lebe. Es fällt mir nur schwer glücklich zu sein während ich im Internet bin. Ich kann so schnell in ein passives Weiterklicken reinfallen. Trotzdem nutze ich Facebook und Instagram, außerdem halte ich zu bestimmten Freundinnen den Kontakt über Skype aufrecht. 

Hast du Lieblingsplätze in Mexico City? Mercado de Medellin ist super, da kann man auch sehr guten frischen Saft trinken. Außerdem kann ich die Stoffläden im Stadtzentrum sehr empfehlen.   

Lulu (die Eigentümerin des benachbarten Saftladens)

Innenhof der Galerie Lulu

Lateinamerika ist dir ja sehr vertraut, empfindest du Mexiko und Mexico City trotzdem noch als speziell? Als problematischen Ort? Mexico City erschlägt mich mit seiner Größe. Es macht mich unruhig zu wissen wie lange man fahren muss, um überhaupt mal aus der Stadt rauszukommen. Mexico City ist ein wichtiger Ort für meine Familie. Meine Mutter ist hier aufgewachsen bis sie 14 Jahre alt war, meine Großmutter ist Mexikanerin. Danach sind sie nach Ecuador gezogen, in das Land meines Großvaters. Mexiko war und ist ein Ort nach dem sich meine Familie sehnt. Meine Großmutter verbringt sehr viel Zeit damit in Ecuador echtes mexikanisches Essen zu kochen. Meine Mutter tut dasselbe in Wien. Allerdings ist meine Großmutter auch eine Libanesin in der zweiten Generation; meine mexikanischen Urgroßeltern haben Arabisch miteinander gesprochen. Weißt du, Zugehörigkeit ist immer so eine Sache. 

Vfmk Cdmx Lulu 04

Bajío 231, der Galeriestandort