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Interview mit Chantal Peñalosa
Mexiko, Tecate und Tijuana

Ein Interview mit der mexikanischen Künstlerin Chantal Peñalosa über ihren Arbeitsalltag, die Konstruktion des Begehrens und die Grenzstädte Tecate und Tijuana zwischen denen sie lebt und arbeitet.   

Wie würdest du deinen Arbeitsalltag beschreiben? Das kommt auf das Projekt an, aber im Allgemeinen arbeite ich jeden Tag drei Stunden intensiv an einem Projekt. Den Rest des Tages lese und recherchiere ich, beschäftige mich mit den Dingen, an denen ich arbeite, schreibe, unternehme Spaziergänge, verbringe Zeit im Internet oder spreche mit Freunden oder Kollegen etc. Meine Arbeit folgt nicht einem Muster, das sich Tag für Tag wiederholt, das finde ich eher unnatürlich und es hat nichts mit Disziplin zu tun; ich suche vielmehr nach jenem Moment, der jenseits der Arbeit zur Erfahrung wird. 

Atrapar La Mosca 2015

Chantal Peñalosa „Atrapar la mosca“ (Die Fliege fangen), 2015

Hemeroteca 2016

Chantal Peñalosa "Mañana, mañana" (Morgen, morgen), Installationssansicht, Casa Maauad, 2016

Was sind deine Ziele und Träume – Begehren bedeutet Arbeit, das eines der Hauptmotive deiner künstlerischen Praxis ist. Zu Beginn eines Projekts geht es mir nicht um Ziele oder Träume. Ich lasse den Dingen vielmehr ihren Lauf, sobald ich eine Idee habe oder etwas produziere. Das heißt ich arbeite nicht mit der Vorstellung einer Idee, von der ich noch gar nicht weiß, ob sie funktioniert bevor ich sie umsetze bzw. sie sich bewährt oder nicht. 

Begehren und Realität, warum bringen wir sie durcheinander bzw. kann das Begehren je erfüllt werden? Diese beiden Begriffe sind miteinander verbunden und ergänzen einander. Die Konstruktion des Begehrens braucht ein realistisches Fundament. Im Begehren streben wir nach einem besonderen Ort irgendwo in irgendeiner Wirklichkeit. Meine Arbeit entwickelt sich in diesem Spannungsmoment. Auf der einen Seite steht das Interesse an einer Annäherung an die Realität, um zu sehen, ob etwas funktioniert oder auch nicht, und auf der anderen Seite gibt es eine Zukunftsvision oder Hoffnung, die in dem, was ich tue, immer wieder aufkeimt. 

In deiner künstlerischen Praxis gehen Arbeit und Bedeutung ineinander auf. Verstehst du das Leben besser, wenn du dich mit bestimmten Themen beschäftigst? Diesbezüglich möchte ich an die Worte von Jesus Gardea erinnern, der gesagt hat: „Alle Kunst hat eine moralische Dimension bzw. es ist anzunehmen, dass sie sie haben muss. Darüber zu schreiben, wie wir leben, zwingt uns zu nichts, aber zu schreiben, wie wir nicht leben, zwingt uns zu einer persönlichen Stellungnahme über die Art und Weise wie wir leben.“ Manchmal hilft es mir meine Vorstellungen von einem Thema besser zu verstehen, wenn ich eine bestimmte Ausgangsposition einnehme, allerdings passiert mitunter auch das Gegenteil, dann recherchiere ich weiter. 

Ist es eine Arbeit, die mögliche Ergebnisse eröffnet oder ein sich perpetuierendes System, das einfach eine Stelle besetzt? Meine Arbeit oder Tätigkeiten, die nichts mit Kunst oder mir als Künstlerin zu tun haben, sind wesentlich für meine Kunst. Durch meine Arbeit als Angestellte in einem Restaurant habe ich beispielsweise die Dynamik der Mechanismen eines Arbeitssystems mit Routine, Zeit, Wiederholung besser nachvollziehen können. Und zwar nicht nur was meine eigene Arbeit betrifft, sondern auch die der Anderen. 

Neben Warten und Verzögerung ist auch die „Wiederholung ein wesentlicher Aspekt deiner Arbeitsweise. Sie dient als Anspielung auf die Absurdität, den Alterungsprozess und die Verfremdungseffekte der Arbeit“. Suchst du nach einem Punkt, an dem du schließlich erkennst, dass das Leben glücklicherweise keine Bedeutung hat? Nein, in den vergangenen Jahren hat die Wirtschaftskrise viele Dinge durcheinander gebracht. In der Stadt, in der ich lebe, begann sich eine gewisse Form der Inaktivität und des Stillstands zu verbreiten, der im Umgang mit Arbeit und der für sie aufgewendeten Zeit zu beobachten war. Daher begann ich den Aspekt des Wartens in meine Arbeit aufzunehmen, der dann weit über die ursprünglich vorgesehene Zeit erhalten bleiben sollte. Das hat mit Faktoren wie Drogenhandel und Gewalt zu tun, die insbesondere in Grenzstädten eine große Rolle spielen. Daher gehen wir weiter unseren täglichen Verrichtungen nach, in der Hoffnung, dass sie Wirkung zeigen und sich wie geplant entwickeln, aber wenn dies nicht geschieht, gleitet die Wiederholung ins Absurde ab, allerdings nicht aufgrund der Situation an sich, sondern weil etwas im System nicht mehr funktioniert, dieses aber mit der Vorstellung weitergeführt wird, dass die Dinge sich wieder zum Guten entwickeln. 

Eine deiner Arbeiten hat den Titel „Las que aqui sequimos somos como fantasmas (Wir hier sind wie Geister) und deine Einzelausstellung bei Proyectos Monclova El panorama, sobre todo si uno lo ve desde un puente, es prometedor (Das Bild ist vielversprechend, vor allen wenn du es von einer Brücke aus betrachtest) – ich empfinde deine Arbeiten als eine Herausforderung von vorsichtigen Gesten bzw. verhaltenen Attacken auf das bestehende System. Wäre das Hinweglocken vom eigenen Standpunkt eine richtige Beschreibung? Würdest du dem zustimmen? Für mich ist es wichtig, aus welcher Position die Dinge zum Ausdruck kommen, mich interessieren die narrativen Formen, durch die Ideen präsentiert werden. Viele meiner Arbeiten sprechen aus der Ichform, auch wenn ich mitunter den Blickwinkel anderer Personen und ihre Wahrnehmung der Dinge einbeziehe. In der Gegenwartskunst wird häufig mit der Aneignung des Anderen, der Erfahrungen der Anderen gearbeitet. Es wird vom Anderen gesprochen als würde der Künstler Darstellungskriterien über das, was dargestellt wird, und so oft nicht gehört wird, verlautbaren. 

Studio

Welche Kunst hat dich besonders beeinflusst und geprägt? Ich mag sehr viele verschiedene Künstler und Kunstformen, aber eigentlich interessiere ich mich weniger für die Gegenwartskunst als andere Bereiche. Die Annäherung an andere Welten und Realitäten, wie ich sie in der Literatur finde, bildet häufig den Ausgangspunkt für andere Blickwinkel auf die Dinge des täglichen Lebens. Dazu gehören Autoren wie Jorge Luis Borges, Daniel Sada, Jesus Gardea, Roberto Bolaño, Juan Rulfo und viele andere lateinamerikanische Schriftsteller. Ich bin natürlich durch die bildende Kunst im Norden Mexikos beeinflusst, wo ich die meiste Zeit arbeite. Es war wichtig für mich, die Geschichte der Grenzkunst und ihre Sprache und Ausdrucksformen zu kennen. Auch der Tanz und das Theater spielen in der letzten Zeit eine große Rolle und lassen mich meine Arbeit nun mit anderen Augen betrachten. Das sind Künstler wie Arkadi Zaides, Cecilia Lisa Eliceche oder Radouan Mriziga.

Du hast auch international mehrfach ausgestellt, z.B. in Antwerpen, Berlin, Bukarest, Spanien, Karlsruhe ZKM, Venedig, und du hast 2016 an der Ausstellung „Grenzerfahrung“ in Wien teilgenommen. Warst du dort und wenn ja, wie hat du das erlebt? Nein, ich war leider nicht dort. 

Du lebst im Norden Mexikos, könntest du uns etwas mehr über dein Umfeld und deine Beziehung zu Mexico City erzählen? Ich pendle zwischen Tecate und Tijuana und diese beiden Städte haben eine sehr unterschiedliche Dynamik, auch wenn sie nur 25 Kilometer voneinander entfernt sind. In Tecate ist das Leben eher beschaulich, es ist eine kleine Stadt mit ca. 100.000 Einwohnern. Für mich ist es ein Ort, an dem ich gut arbeiten kann. In Tijuana passieren immer viele verschiedene Dinge gleichzeitig, man braucht eigentlich zusätzliche Augen, um alles zu sehen. Die Stadt hat eine besondere Dynamik und im Zentrum eine gewisse dekadente Ästhetik, die sich aus der Beziehung zwischen Mexiko und den USA ergibt. 

Was ist für dich einzigartig an Mexiko im Vergleich zu Europa oder den USA? Die Energie. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Dajana Dorfmayr