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Interview mit Fabiola Iza
El Cuarto de Maquinas, Mexico City

Die freie Kuratorin und Kunsthistorikerin Fabiola Iza gewährte uns letztes Jahr Einblicke in ihre Ausstellung „Espejo negro, elefante blanco“. Wir sprachen mit ihr über die kuratorische Arbeit, Veröffentlichungen und den Ort, an dem sie sich in Mexico City am besten entspannen kann.

Wir befinden uns im “El Cuarto de Máquinas”, Sie sprechen von „einem Ort an dem mit einem neuen Format experimentiert wird, das von einer reinen Präsentation von Künstlern abweicht und stattdessen eine Plattform bietet, die sowohl die kuratorische Arbeit als auch die künstlerische Praxis integriert“. Können Sie uns erklären, wie dieses integrative Konzept funktioniert und wie diese Plattform entstanden ist? Denn dieser Kunstraum ist in der Tat ungewöhnlich. Mexico City erlebt momentan einen Boom der unabhängigen Kunsträume. Was „unabhängig“ genau bedeutet müsste meiner Meinung zwar noch diskutiert werden, aber ich bin fest davon überzeugt, dass es einen großen Bedarf an Räumen gibt, in denen neue Formate oder Modelle erprobt werden können – ob in kuratorischer oder finanzieller Hinsicht oder in Bezug darauf, wie Beziehungen zu den Künstlern hergestellt werden. El Cuarto de Máquinas (was so viel bedeutet wie Maschinenraum) funktioniert auf einer Projektbasis: Ein Künstler, der in der städtischen Kunstszene aktiv ist, wird eingeladen, um eine Ausstellung oder ein Projekt zu konzipieren. Neben dem zugewiesenen Budget und dem Ort gibt es keine Vorgaben. Anstatt mit einer beschränkten und festgelegten Auswahl an Künstlern wird mit vielen verschiedenen Personen kooperiert. Langfristig eröffnet dies zum einen die Möglichkeit vielfältige kuratorische Ansätze und experimentelle Positionen (eine Seltenheit in Mexico City) zu zeigen, aber auch Künstler, deren Arbeiten sich radikal voneinander unterscheiden. 

Ausstellungsansicht

Wie würden Sie Ihre Rolle als Kuratorin definieren – Sie sind freie Kuratorin, richtig? Ja, ich arbeite als freie Kuratorin. Diese Arbeit erfordert meiner Meinung nach eine hohe Flexibilität, da ich sie an jedes Projekt mit seinen Besonderheiten anpassen und entsprechend verändern muss. Ich habe natürlich ein starkes Forschungsinteresse und ich experimentiere gerne mit verschiedenen Formaten, aber meine Rolle wird letztlich von den Variablen eines Projektes bestimmt. Dazu gehört mit wem ich arbeite (ich betrachte zum Beispiel die redaktionelle Arbeit ebenfalls als Form der Kuration, auch wenn das bedeutet, dass ich es mit einem Text und den darin beschriebenen Ideen zu tun habe anstatt mit Künstlern), die gastgebende Institution bzw. der Ort, oder das Fehlen dieses Ortes, sowie die Zielgruppe. Außerdem ist die Rolle des Kurators auch davon abhängig, ob es sich um ein einzelnes oder ein kollektives Projekt handelt. 

Dieses spezielle Projekt entwickelte sich aus einer sehr engen Zusammenarbeit mit den einzelnen Künstlern (es umfasst auch sehr viel Verwaltungsarbeit und Logistik) und verdankt dieser seine besondere Form. Es ist nicht die Art von Ausstellung für die Werke entliehen werden und der Kurator einen bestimmten Standpunkt einnimmt, vielmehr handelt es sich aufgrund der Arbeiten und der Ideen, die jedes einzelne Werk mit sich bringt, um einen fortwährenden Prozess der Veränderung. In der Ausstellung selbst verschmilzt meine Position, als ihre Urheberin mit der Gesamtinstallation, die somit keine prononcierte auktoriale Position einnimmt. Ich habe versucht, den Arbeiten den größtmöglichen Freiraum zu gewähren, entsprechend erwachsen aus ihrem Dialog viele Themen, Ideen und Gedanken. Ich bin natürlich Teil ihres Dialogs, aber mein Interesse drängt sich den Werken hoffentlich nicht auf und ich verschwinde als Figur unter ihnen. 

Nach welcher Form von künstlerischem Erlebnis suchen Sie persönlich? Eines, das in intellektueller und ästhetischer Hinsicht gleichermaßen anregend ist. Trotz meinem Interesse am künstlerischen Experiment, versuche ich die Aufmerksamkeit aller Betrachter zu wecken, da es mir in erster Linie um historische Themen und ihre (problematische) Darstellung geht, z.B. wie nationale und kulturelle Identitäten konstruiert werden etc. Das heißt ich versuche „abgeschlossene“ oder „als Endlosschleife angelegte“ Projekte zu vermeiden – Kunst die sich auf Kunst bezieht – und versuche stattdessen Lecks oder Brüche in der thematischen Breite zu erzeugen, die parallel zu Kunstgeschichte, Kunsttheorie und künstlerischer Praxis existieren oder mit dieser zusammenhängen. 

Sie haben die Ausstellung kuratiert. Was bedeutet der Titel? Im Spanischen und insbesondere im lateinamerikanischen Kontext bezeichnet der Begriff elefante bianco bzw. weißer Elefant ein großes staatliches Bauprojekt (eines das angeblich einen gewissen Grundbedarf befriedigt), das kurz nach seiner Einweihung aufgrund fehlender Geldmittel jedoch stillgelegt werden muss. Weiße Elefanten sind ein politisches Instrument: Sie dienen als Propaganda für eine Person oder eine Regierung. Überall in Lateinamerika wurden Wohnanlagen, Krankenhäuser und Universitäten gebaut, die nun, Jahrzehnte später mehr oder weniger verfallen sind oder nicht mehr ihren ursprünglichen Zweck erfüllen. Sie wurden meist auf der architektonischen Grundlage der Moderne entworfen (die Wohnanlagen sind größtenteils von Le Corbusiers Funktionalismus inspiriert) und spiegeln auch die Zwecksetzung einer komfortablen, erschwinglichen und fortschrittlichen Lebensweise der Moderne. Leider wurden diese Ideen, Methoden und Systeme in den meisten Fällen in einen anderen Kontext importiert und an diesen nicht angepasst. Insofern war das Ganze zumeist mehr mit einer ästhetischen und ideologischen Auferlegung vergleichbar. Viele der Werke in der Ausstellung widmen sich diesem Aspekt auf kritische und doch subtile Weise. 

Espejo negro, black mirror bezieht sich andeutungsweise auf jene Obsidiantafeln, die von indigenen Kulturen in Mexiko hergestellt wurden. In den meisten Fällen handelte es sich dabei um zeremonielle Gegenstände, die vor allem das Interesse der spanischen Eroberer erregten. Die meisten wurden geplündert und befinden sich mittlerweile in ethnografischen Sammlungen in vielen europäischen Städten. Allerdings werden Obsidianspiegel auch immer noch hergestellt (vor allem um die Nachfrage durch Touristen zu befriedigen) und sie gelten gemeinhin als Objekte mit magischen Eigenschaften. Meine Verwendung des Begriffs ist jedoch rein metaphorisch, da sich die magische und spirituelle Attributierung gewöhnlich auf die meistens präkolumbischen Materialien erstreckt. Meiner Meinung nach ist dies das Resultat der Ignoranz und des mangelnden Wissens über diese Kulturen. Der Indigenismus war hierfür wesentlich und in der Ausstellung begegnen die Künstler diesen unbegründeten Behauptungen mit Ironie und Humor. Ihre Kritik ist gleichermaßen treffend und subtil. Außerdem zeigt dieser Ansatz hinsichtlich des Umgangs unserer Länder mit der indigenen Geschichte und Kultur meiner Meinung nach auch einen Generationenwechsel an (ich spreche hier von „unserer“, da die vier Künstler alle wie ich in Lateinamerika geboren und aufgewachsen sind).

„​Tramado“ (Weaving, 2015), Fátima Rodrigo

Ausstellungsansicht

„Die hier präsentierten Künstler stellen insbesondere das angebliche Vermächtnis der Moderne in Frage und untersuchen ihr Erbe in den Kontexten in denen sie agieren, d.h. vorwiegend in Lateinamerika“. Welches Potenzial besitzt die mexikanische und lateinamerikanische Kunst – auf der anderen Seite – durch ihr präkolumbisches Erbe? Im Versuch einer Idealisierung des präkolumbischen Erbes zu entgehen hat die ältere Generation diesbezüglich eine analytische Herangehensweise gewählt und Methoden eingesetzt, die von der Ethnografie und Anthropologie inspiriert sind. Auch die jüngere Generation vermeidet diese Form der Exotisierung, allerdings erfolgt die Annäherung hier aus einer weniger vertikalen Perspektive und durch Methoden, die nicht so sehr durch archivarische Praktiken geprägt sind. In gewisser Weise reagieren sie immer noch auf die archivarische Form des Denkens, aber sie haben zu ihrer Ästhetik eine größere Distanz eingenommen.   

Bevorzugen Sie politische Kunst – oder vielmehr eine politische Dimension – oder ist Ihnen die „Freiheit der Kunst“ wichtiger? Für mich hat die Kunst eine unbestreitbare und unabdingbare politische Dimension. Sie muss nicht propagandistisch, noch moralisch oder selbstgerecht sein. Das ist es, was mich am meisten interessiert.

Seit 2014 sind Sie auch Leiterin von T-E-EORIA, einer Buchreihe über kulturtheoretische Themen die von Taller de Ediciones Económicas verlegt wird. Was ist für Sie im Bereich Verlagswesen besonders wichtig? Auf der persönlichen Ebene empfinde ich diese Ausflüge in das Verlagswesen als wichtigen Teil meiner kuratorischen Arbeit. Ich bin keine Verlegerin oder Herausgeberin, vielmehr bin ich eine Kuratorin, die mit einem anderem Format arbeitet. Ich habe die Buchreihe T-E-EORIA ins Leben gerufen, weil ich in den spanischsprachigen Kontext Ideen einbringen wollte und ahnte, dass die Diskurse über das Zuschauen stark von den Begriffen und Ideen profitieren können, die mit diesen Bücher ins Spiel gebracht werden.

An welchem Ort können Sie sich besonders gut entspannen und nachdenken? Bleibt Ihnen dafür genug Zeit? Einer meiner Lieblingsplätze in Mexico City ist der Durchgang Pasaje Pino Suárez – Zócalo, der diese beiden Untergrundstationen verbindet. Auf der Straßenebene ist dies einer der lautesten, verkehrsreichsten und überfülltesten Orte der Stadt, aber unter der Erde ist es angenehm kühl, ruhig und friedlich. In diesem Durchgang gibt es 40 Buchläden in der Form von Verkaufsständen. Seine Gestaltung reflektiert die Modernisierungsideale der 1970er Jahre. Zugleich handelt es sich hier aber auch um ein gemeinschaftliches kulturelles Projekt. Der Bau des U-Bahn-Netzes beruhte auf zwei Leitgedanken: In einer modernen Stadt sollten die Einwohner schnell und für wenig Geld von einem Ort zum nächsten gelangen können (sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne). Im Pasaje gibt es außerdem eine Filmlounge und einen Gastronomiebereich in dem die Metronautas (die Nutzer der U-Bahn) sich entspannen, hinsetzen und ihr Lunch essen können.  

Vielen Dank Fabiola!

Interview: Dajana Dorfmayr

Künstler der Ausstellung: Nuria Montiel, Ana Navas, Fátima Rodrigo and Ana Roldán 

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Pasaje Pino Suárez – Zócalo