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Interview mit Kim Córdova
Mexico City

Kim Córdova ist eine in Mexico City ansässige Künstlerin und Autorin (Momus, Art Agenda, Frieze, Art Review, San Francisco Art Quarterly). Sie erzählt* von ihrem Verhältnis zu Mexico City, ihrem Arbeitsleben und künstlerischen Schaffen.

Warum lebst und arbeitest du in Mexico City? Eigentlich kommst du aus Kalifornien. Ich kam 2011 für Soma Summer erstmals nach Mexico City. Ich war sofort von der Stadt und Soma angetan. Nachdem das Sommerprogramm vorbei war, zog ich nach San Francisco, um dort meinen M.F.A. zu machen, aber während des ganzen Semesters dachte ich, dass das Curriculum von Soma so viel interessanter und Mexico City ein so viel spannenderer Ort ist, um dort zu arbeiten. Es war eine schwierige und auch schmerzliche Entscheidung, aber ich brach das Masterstudium ab und wurde kurz darauf eingeladen, am zweijährigen Hochschulprogramm von Soma teilzunehmen. Es war in gewisser Weise ein Experiment, da ich die erste US-Bürgerin war, die an dem Programm teilnahm. Ich habe mich jedoch auf das Leben in Mexiko ganz und gar eingelassen und jetzt nach sechs Jahren kann ich wohl behaupten, dass das Experiment gelungen ist.

Kim Córdova

Was bedeutet dir Mexico City? Mexico City ist ein äußerst komplizierter Ort. Er kann Auslöser von Wut, Frustration und Verzweiflung sein, das gilt im Moment jedoch für viele Orte. Im besten Falle münden Wut und Frustration in Eigeninitiative. Ein großer Teil der Bewegung und Energie in Mexico City geht von den selbst verwalteten Kunsträumen aus, sie verströmen einen Geist radikaler Großzügigkeit und sie machen sichtbar, was Künstlern und Kuratoren ansonsten im Mainstream fehlt. Die Atmosphäre ist von Optimismus getragen und von einer Wertschätzung des Gegenwärtigen. Diese Geisteshaltung entfaltet eine starke Wirkung und wenn die Leute die Stadt besuchen, spüren sie das und reagieren darauf. 

Welche Ausstellung hat deine Erwartungen übertroffen? Walid Raad und General Idea: Broken Time im Museo Jumex bekommt eine sehr hohe Punktezahl.     

Welche Kunstwerke haben dich besonders in Erstaunen versetzt? Erstaunen ist so ein starkes Wort! Das Projekt des Camel Collective in der Parque Gallery ist sehr gut und Ektor Garcia in Kurimanzutto, kuratiert von Chris Sharp, ist auch wirklich bemerkenswert. 

Ist politische Kunst eine gute Konstellation? Ich würde mich persönlich dem Alle-Kunst-ist-politisch-Lager zuordnen. Insofern läuft die Frage nach der Konstellation wohl darauf hinaus, wie eine Arbeit umgesetzt und kontextualisiert ist. 

Wie steht es mit den Mythen und Narrativen, die die mexikanische Gegenwartskunst umgeben? Da gibt es sehr viele. Da die Szene relativ klein ist im Vergleich zu anderen Orten, gibt es hin und wieder Leute, die sich als repräsentativ für diese Generation oder die mexikanische Gegenwartskunst verkaufen. Für mich haben diese Narrative immer etwas Ausbeuterisches. 

Welche Themen interessieren dich als Künstlerin? Gibt es ein Ausstellungs-projekt? Ricardo Alzati hat mich eingeladen, meine Arbeit in seinem alternativen Projektraum Héctor zu präsentieren. Eine Videoinstallation über eine Straßenecke in meinem Viertel. Ein kaputter Lastwagen für Hühnerfleisch – also ein nicht mehr funktionsfähiger Pick-up von dem aus rohes Hühnerfleisch verkauft wurde – hat hier jahrelang geparkt. Das Vorhandensein des Lastwagens blockierte kurioserweise den Aufnahmewinkel der städtischen Überwachungskameras. Daher entwickelte sich die Ecke zu einem idealen Ort, um Drogen zu verkaufen etc. Diese zumeist nächtlichen Aktivitäten verhinderten an dieser Stelle die Gentrifizierung. Als eines der Gebäude dort verkauft wurde und der Starkoch Enrique Olvera dort ein Restaurant eröffnete, musste der Lastwagen verschwinden und die Gentrifizierung setzte quasi über Nacht rasant ein. Der Hühnerlaster ist jetzt weg. Ich möchte daher eine Arbeit über ein anthropomorphes Huhn machen, das durch informelle Systeme navigiert und dem Moment entgegentritt, in dem die mexikanische Gastronomie sich zu einer sanften Macht entwickelt. 

Was sind die größten Herausforderungen als Autorin? Das sind nicht wenige. Eine der größten Herausforderungen ist im Grunde das schiere Überleben. Miete, Gesundheitsversorgung etc. Die Tatsache, dass in der Verlagswelt legendär niedrige Honorare gezahlt werden und zumeist auch noch verspätet, darf nicht einfach toleriert werden. Diese mangelnde Wertschätzung der Arbeit wirkt sich auch auf andere Bereiche aus, aber eine unsichere Situation der Arbeitskräfte schwächt die Produktivität enorm. Und wenn man den Leuten zu verstehen gibt, dass ihre Arbeit so wenig wert ist untergräbt man im Prinzip auch ihre Würde. Das betrifft den ganzen Kunstsektor. 

Besonders schwierig ist überdies der Umgang mit potenziellen Interessenskonflikten. Es ist wirklich merkwürdig, dass die internationale Kunst-Community bestimmte Interessenskonflikte tolerieren kann und andere nicht. Kreative, egal ob es Künstler, Autoren, Kuratoren oder Hersteller sind, produzieren weiter. Aber wenn ihre Hauptjobs nicht genügend Geld zum Leben einbringen, müssen sie Nebenbeschäftigungen finden, um sich ein Auskommen zu sichern. 

Sicherlich muss man immer den jeweiligen Zusammenhang bedenken. Die Maßstäbe, die wir haben und an die sich jeder in der Branche halten sollte, sind schließlich zum Wohle aller da. Sie sollten respektiert werden. Aber dann bleibt die Frage, wie man angesichts solch unterschiedlich angewendeter Standards und minimaler Ressourcen weiterarbeiten und produzieren kann.  

Suchst du, da du nun schon eine ganze Zeit in Mexico City lebst, eher nach Herausforderungen oder nach Annehmlichkeiten? Annehmlichkeiten! Ich würde sehr gerne in einer Wohnung mit Gasanschluss und ausreichend Wasserdruck leben. Und was die Herausforderungen betrifft, die ergeben sich eigentlich immer von selbst, man muss gar nicht nach ihnen suchen. Es gibt eine Reihe von sehr anspruchsvollen Projekten, die ich gerne beginnen würde, ein Buch, ein Projekt mit einer Videoinstallation etc., das größte Problem ist dabei aber oft der Zeitaufwand. Wie ich mir meine Zeit einteile, muss ich wohl noch lernen. 

Was sollten #artbooklovers keinesfalls in der Stadt verpassenAeromoto ist ein fantastischer Ort, den eine Gruppe von Künstlern ins Leben gerufen hat, weil es so schwierig ist in Mexiko Kunstbücher zu bekommen. Alumnos hat eine großartige Bibliothek. Casa Bosques lohnt einen Besuch. Außerdem steht die Index Art Book Fair bevor und dann gibt es noch Gato Negro. Viele Optionen gibt es nicht, da es sehr schwierig ist in Mexiko an Kunstbücher und internationale Kunstzeitschriften heranzukommen. Der Vertrieb in Lateinamerika ist minimal. Vermutlich liegt das am fehlenden Markt. Die Menschen verdienen hier im Allgemeinen zu wenig, um Kunstbücher kaufen zu können. 

Vielen Dank für das Gespräch Kim!

*Interview (Sommer 2017): Dajana Dorfmayr

Kim arbeitet derzeit für die NGO Direct Relief und das Glasunternehmen Nouvel Limited.

Einzelausstellungen: The „ Dodo's Verdict“, Casa Mauuad (Mexico City, DF) und Kurze Begegnungen mit Tezcatlipoca im Bikini Wax (Mexico City, DF). 
Gruppenausstellungen: In Guadelajara, Mexiko, Bogotá, Kolumbien, Los Angeles und dem CCA Wattis Institute for Contemporary Art in San Francisco.